Lesung in Braunau am 9.11.2015

Eine gut besuchte Veranstaltung (rund 40 Personen), die an manchen Stellen Bezüge zwischen dem Buch und der aktuellen Situation (z.B. Flüchtlingskrise) deutlich werden ließ. Sebastian Plank, Direktor des Gymnasiums Braunau, erwies sich als ein offenherziger Gastgeber. Florian Kotanko, Vorsitzender des Vereins „Zeitgeschichte Braunau am Inn“ unterstrich den exemplarischen Charakter der Arisierung des Hauses von Ludwig Beer. Darüber hinaus stellte er die Frage: Warum die Lesung an diesem Ort und an diesem Tag?
Ein Teilnehmer sendet mir per Mail einige Tage später folgendes Echo: „Zwei sehr unterschiedliche Familiengeschichten, die in den Wirren des 2. Weltkrieges in einem kleinen Ort an der Donau‎ aufeinander treffen. Im Mittelpunkt des Buches ein junger Widerstandskämpfer, der den Weg vieler seiner Mitstreiter geht, bis zum bitteren Ende. Ein interessanter, berührender Abend im Gymnasium Braunau, eine sehr gut vorbereitete Präsentation, eine dichte Atmosphäre und ein Bezug zu heute, der mich nachdenklich macht. Ich freue mich aufs Lesen des Buches.“

Die Website des Gymnasiums Braunau schreibt über die Veranstaltung: „Die Zuhörer bedachten Klaus Pumberger mit lang anhaltendem Applaus für seine umfangreiche Arbeit und seinen Betroffenheit erzeugenden Vortrag.“

In meinen einführenden Worten habe ich mich ebenfalls der Frage von Florian Kotanko gewidmet: „Vor mehr als dreißig Jahren war ich das letzte Mal im Gymnasium Braunau, genau am 1. Juli 1982, eben hier im Musiksaal, bei einem Zeitzeugengespräch mit Hermann Langbein, Überlebender von Auschwitz. Langbein gehörte zusammen mit Ludwig Beer zu jener Gruppe von österreichischen Spanienkämpfern, die Mitte April 1938 gerade noch nach Spanien gelangte, um dann im dortigen Bürgerkrieg aktiv aufseiten der Republikaner einzugreifen. Nach Ludwig Beer habe ich damals Hermann Langbein nicht gefragt. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich von ihm nur schemenhaft einige, wenige Bruchstücke, ich kannte nicht einmal seinen Namen.

Sebastian Plank bei der Begrüßung
Sebastian Plank bei der Begrüßung

Im Juni 1979 habe ich hier in diesem Raum meine mündliche Matura abgelegt (wie auch Sebastian Plank), unter anderem im Fach Geschichte. Mir wurden dabei folgende zwei Themen aufgegeben:

  • Erstens: was blieb vom Faschismus?
  • Zweitens: der Begriff „Sozialismus“ und seine Entwicklung

Bei der Vorbereitung auf den heutigen Abend habe ich mit großer Verwunderung festgestellt: diese zwei Themen geben 36 Jahre später auch zentrale Aspekte meines Buches wider. Deshalb habe ich mich entschieden, dass die beiden Fragen den roten Faden unserer Lesung darstellen.

Florian Kotanko bei der Begrüßung
Florian Kotanko bei der Begrüßung

Heute ist der Jahrestag des Novemberpogroms. In der Erinnerung und im Gedenken daran, was in dieser tief-dunklen Nacht in unserem Land geschah, habe ich die erste Textstelle aus meinem Buch vorgetragen, über die Arbeit von Rosa Beer als Pflegerin in der Familie Saphir in Wien-Leopoldstadt von März bis November 1938.

Zugleich begehen wir heute den Jahrestag des Falls der Berliner Mauer, ein Ereignis, das mit seinen Folgewirkungen die Arbeiten zu meinem Buch sehr erleichtert hat. Zahlreiche Gestapo-Verhörprotokolle sowie Unterlagen von Prozessen am Volksgerichtshof gegen die nicht-jüdischen Aktivisten aus der Widerstandsgruppe um Ludwig Beer lagen bis 1989 de facto verschlossen am Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED in Ost-Berlin. Heute sind diese Akten im deutschen Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde für alle zugänglich.

Klaus Pumberger bei seiner Einführung
Klaus Pumberger bei seiner Einführung

Ich werde zum Eingang kurz erzählen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Bei meinen Recherchen sah ich sehr bald meine anfängliche Annahme bestätigt: Ohne die Beschlagnahmung und anschließende Arisierung des Hauses von Ludwig Beer durch die NS-Behörden wären meine Großeltern Johann und Maria Eppacher als Folge Ihrer Option in Südtirol für das Deutsche Reich mit ihren Kindern, darunter meine Mutter, sehr wahrscheinlich nie nach Wesenufer bei Engelhartszell gekommen. Sie wären nicht Pächter dieses Hauses zu begünstigten Mietkonditionen geworden. In Wesenufer lebte damals mein Vater als junger Mann. In diesem Ort haben sich meine Eltern kennen gelernt.

Und so hat dieser Tag neben den beiden erwähnten Jahrestagen – Novemberpogrom und Fall der Berliner Mauer – für mich und mein Buch noch eine dritte spezielle Bedeutung. Mein Vater ist am 9. November geboren und wäre heute 95 Jahre alt geworden. Wenn also das arisierte Haus von Ludwig Beer ein wichtiger Baustein war, damit ich in die Welt kommen konnte und in Folge Historiker geworden bin, dann wollte ich jetzt eben genau diese konkrete Geschichte erforschen. So sehe ich mich sowohl als Historiker als auch als Nachkomme der Pächterfamilie Eppacher in der Verantwortung, diese Geschichte niederzuschreiben, weiterzuerzählen, in die Öffentlichkeit zu tragen, um so den NS-Opfern der Besitzerfamilie Beer ein Gesicht, eine Stimme zu geben. Diese sollen nicht vergessen werden.

Zum Stichwort „Verantwortung“ erlauben Sie mir, zwei, drei Sätze hinzuzufügen. Mich freut es außerordentlich, dass der „Verein für Zeitgeschichte“ heute als Mit-Veranstalter auftritt. Mit Euren „Braunauer Zeitgeschichte-Tagen“ gebt ihr seit rund 25 Jahren ein wunderbares Beispiel dafür, wie die Haltung – Verantwortung übernehmen für seine Geschichte in ihrer Gesamtheit, seine dunklen Seiten bewusst mit eingeschlossen, – eben auch gelebt werden kann. (Beifall im Publikum!!!) Mir ist es ein Bedürfnis, dieses Statement öffentlich anzuführen, gerade zu Beginn einer Lesung in Braunau an einem Abend des 9. November, und auch angesichts der politischen und gesellschaftlichen Situation, die wir derzeit Tag für Tag erleben.

Ich werde nun eine weitere Textstelle vortragen, aus der Einleitung meines Buches. Sie zeigt, dass die erste Frage meiner mündlichen Matura aus dem Jahr 1979 – was blieb vom Faschismus? – in unseren Familiengeschichten selbst 70, 80 Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft immer noch eine sehr bedeutsame und zuweilen auch brisante ist. Es handelt sich dabei um einen Auszug aus dem aktuellen Teil meines Buches, der sich bei jedem Kapitel am Ende wiederfindet. Darin berichte ich von meinen Recherchereisen oder vom Suchen und Treffen der Nachkommen von Familie Beer oder stelle Reflexionen an, wie mit Geschichte heute umgehen.“

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