Lesung in Wesenufer am 27.11.2015

Das Buch ist mittlerweile auch an einem seiner zentralen Schauplätze angekommen! Das Echo ist wiederum sehr positiv. Mehr als 80 Personen verfolgten gespannt und zugleich äußerst interessiert die Präsentation im Seminarkulturzentrum Wesenufer – bei traumhaften Ausblick auf die Donau.  „Es war ein sehr nachdenklicher Abend, zuweilen mit unerwartet aktuellen Anklängen an die Gegenwart“, so Bürgermeister Herbert Strasser in seinem Schlußwort. Zugleich unterstrich er, dass der im Buch beschriebene Inhalt „Teil der Geschichte unseres Ortes ist.“ Engagierte Musiker und Musikerinnen sorgten mit einer stilvollen Mischung aus jüdischer und Südtiroler Volksmusik für eine gelungene künstlerische Umrahmung.
Eine Zuhörerin nach der Veranstaltung im Gespräch mit dem Autor: „Der Abend hat mich sehr berührt. Ich hatte die ganze Zeit über eine Gänsehaut. Ich habe sofort an das denken müssen, was bei mir Zuhause in Bezug auf die NS-Zeit nicht geredet worden ist.“

Weitere Stimmen: „Auch in unserer Familiengeschichte gibt es eine Verbindung mit einem arisierten Haus. Auch bei uns wurde lange Zeit darüber nicht geredet.“
„Ich hätte nicht gedacht, was unser kleiner Ort (Wesenufer hat etwas mehr 250 EinwohnerInnen, Anm. KP) mit diesem Haus, seiner Geschichte und den beiden Familiensagas nicht alles an europäischer Zeitgeschichte erzählen kann.“
„Ich habe das Buch schon vor der Veranstaltung gelesen, besser gesagt, ich hab es „g´ fressen“. Ich bin schwer beeindruckt, wie viele zeitgeschichtliche Zusammenhänge sich ausgehend von dieser Geschichte erzählen lassen.“

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Klaus Pumberger im Gespräch mit einem Besucher der Lesung

 

In meiner Einleitung wies ich ebenfalls auf den unmittelbaren Zusammenhang zwischen meinem Buch und dem Ort Wesenufer hin: „Die Beers waren ein Teil von Wesenufer, sie gehören zur Geschichte von Wesenufer, sie und ihre tragisch-dramatische Geschichte sind untrennbar mit diesem Ort verbunden. Deshalb freut es mich außerordentlich, dass die Gemeinde Waldkirchen am Wesen (zu der Wesenufer gehört, Anm. KP) sowohl heute als Veranstaltung der Lesung auftritt als auch die Drucklegung meines Buches gefördert hat.“

In den slawischen Sprachen gibt es für den Begriff „Versöhnung“ jeweils Bezeichnungen, die sich aus einem Zeitwort ableiten. Dies spricht mich an, weil damit zum Ausdruck gebracht wird, bei „Versöhnung“ geht es nicht  um das Austauschen von formelhaften, einfach so hingesagten Sätzen, sondern um einen tiefgehenden Prozess. Im Tschechischen etwa heißt „Versöhnung“ „vyrovnavat se“, d.h. sich mit etwas ausgleichen, z.B. mit seiner Geschichte, in dem wir Verantwortung für sie übernehmen und uns heute zuständig fühlen, auf die gesamte Geschichte hinzusehen.

Aus dieser Haltung heraus wollen wir im Rahmen der Möglichkeiten heute Beiträge für einen solchen Ausgleich leisten: Ich als Historiker und Nachkomme der Pächterfamilie Eppacher mit meinem Buch – mit Unterstützung  beim Druck sowie mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen vonseiten der offiziellen heutigen Vertreter der Gemeinde Waldkirchen am Wesen, in der damalige nationalsozialistische Gemeindefunktionäre die Beschlagnahmung und Arisierung des Eigentums von Ludwig Beer und die Ausschaltung seiner Mutter, seine legitime Vertreterin, Tochter einer anerkannten Familie mitten aus dem Ort, in den Jahren 1949 und 1941 in Angriff genommen und vorangetrieben haben.

Im Polnischen bedeutet „Versöhnung“ „pojednanie“. Darin steckt die Wortsilbe „jeno“, d.g. es geht bei „Versöhnung“ um den Prozeß des Wieder-eins-werdens. Durch den Buch beschriebenen Gang der Geschichte ist es zu einer Entzweiung gekommen, was vorher über viele Jahrzehnte ganz selbstverständlich zusammengehört hat: die Geschichte der Familie Beer und jener des Ortes Wesenufer. Diese in der NS-Zeit zerstörte Beziehung soll heute zumindest auf der Ebene der Erzählung wieder eins werden können. Wie bei einem zerbrochenen Krug sollen die zerschlagenen Teile wieder zusammengefügt werden, die Brüche bleiben sichtbar, doch – und das ist die Absicht meines Buches – es ist wieder ein Krug bzw. es ist jetzt endlich wieder ein gemeinsamer Krug, der uns alle – aus den betroffenen Familien und aus dem Ort Wesenufer – verbindet.

Abschließend will ich noch einen Aspekt besonders hervorheben. Eine große Freude war für mich das Engagement und die Initiative, die einige Verwandte von mir im Vorfeld der Veranstaltung entwickelten.  So hat mein Cousin Bernhard Eppacher (Gitarre) zusammen mit seiner Nichte Lisa Grüneis (Geige), mit seinem Neffen Christian Grüneis (Horn) und zwei weiteren Musikern (Geige/Klarinette) ein Ensemble zusammengestellt. In einer stilvollen Mischung aus jüdischer und Südtiroler Volksmusik lieferten sie zum einen sehr gelungenen Rahmen für den Abend, zum anderen wurde  damit noch einmal die Verbindung zwischen Familie Beer und dem Ort Wesenufer unterstrichen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte kann also auch ein Identifikationspunkt sein, der zusammenbringt.

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