Lesung am 4.12.2015 in Innsbruck (öffentlich)

„Das Buch von Klaus Pumberger ist in einer Mischung aus Augenmaß und Leidenschaft geschrieben“, so Anton Pelinka in seinem einleitenden Statement bei der Buchpräsentation in der Buchhandlung Haymon. Es folgte eine äußerst lebendige Debatte, vor allem zum Thema Option und ihre Folgen,  ein intensiver Austausch von Meinungen und Erfahrungen, der Autor und Publikum (rund 30 Personen) für alle spürbar miteinander verwickelt hat.
Hier der Kommentar eines Zuhörers: „Es war ein sehr wichtiger Abend für mich. Ich gehe sehr nachdenklich nach Hause. Meine Großeltern haben auch in einem arisierten Haus gewohnt. Vielleicht schaue ich mir diese Geschichte doch noch einmal genauer an. Auch bei uns ist darüber lange nicht geredet worden.“

Eine weitere Stimme aus dem Publikum: „Ich nehme an vielen Veranstaltungen teil. Aber selten habe ich eine so dichte Debatte erlebt, die Autor und Publikum intensiv miteinander in Berührung gebracht hat. Dieser Austausch von Meinungen und Erfahrungen hat deutlich gemacht, worum es im Buch geht, ohne moralisierenden Unterton.“

Das Buch, wie Anton Pelinka hervorhob, stellt keine generationsübergreifende Anklage dar, zugleich weicht es kritischen Fragen nicht aus. Es stellt viele kritische Fragen, etwa in Bezug auf den Umgang mit Geschichte und ihren Nachwirkungen bis in die Gegenwart.  Ganz entsprechend der Politikdefinition von Max Weber bohrt das Buch dabei dicke Bretter, getragen von Augenmaß und Leidenschaft, die der Autor auch schon als Student beim Verfassen seiner Dissertation über die Enstehung der polnischen Solidarnosc unter Beweis gestellt hatte, so Pelinka weiter.

Die intensive Debatte drehte sich im Kern um die Einschätzungen zur Option, die unterschiedlich ausfallen, je nachdem, von welcher Ebene ausgehend auf die Option geschaut wird. Familiär gesehen ist die Option meiner Großeltern durchaus nachzuvollziehen. Es gab gute Gründe auszuwandern und dazu für sich die Möglichkeit der Option zu nützen. Aus der Rückblende betrachtet erwies sich ihre Entscheidung für den Großteil ihrer Kinder und für die Kindeskinder – also für meine Generation – als richtig und vorteilhaft.

Zugleich war die Option politisch, historisch und moralisch betrachtet eine falsche Entscheidung. Aus dieser Kluft resultiert ein Preis, der für die Option zu zahlen war, über den jedoch in den Familien, ebenso in meiner, wie auch in der Südtiroler Gesellschaft insgesamt als Folge nicht eingestandener, nicht ausgesprochener Schuld- und Schamgefühle nicht geredet worden ist, zum Teil immer nocht nicht geredet werden kann:
– die Einbindung, die „Anbiederung“ an das NS-System, bis hin zur Zuweisung von arisiertem Besitz zu  begünstigten Pachtzinskonditionen;
– die sofortige Zur-Verfügung-Stellung der älteren Söhne als Soldaten der Deutschen Wehrmacht;
– die Instrumentalisierung für die NS-Eroberungspolitik (geschlossenes Siedlungsgebiet).

Das darüber Reden könnte in zweifacher Hinsicht für uns heute eine heilende Kraft entfalten:
– die Nachwirkungen der problematischen Anteile der Option und ihrer Folgen bis in die Gegenwart und in die Zukunft hinein würden sich nicht mehr fortsetzen; die nicht eingestandenen Schamgefühle müssten sich keine „Masken der Scham“ (z.B. Abwertung der anderen bei Unterstreichung der eigenen Grandiosität) mehr suchen.
– die kritischen Fragen zur Vergangenheit könnten zugleich Quelle für Nachdenklichkeit heute werden: welchen Preis sind wir heute bereit, für unsere Entscheidungen zu zahlen? Welchen Nutzen sind wir heute bereit, bei Entscheidungen zu nehmen?
Auch in demokratischen Verhältnissen steht jeder und jede mehrmals in seinem /ihrem Leben vor solchen Entscheidungen und hat dafür Verantwortung zu übernehmen.

 

 

 

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