Lesung am 27.1.2016 in der Buchhandlung Thalia (Wien-Mitte)

Wieder ein großes Publikumsinteresse, mehr als 80 Personen waren gekommen. „Einzigartig bislang in Österreich“, so Gerhard Botz (emeritierter Univ.-Prof. am Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien) in seinem Statement, sei mein Buch und zwar in Hinsicht darauf, wie transparent ich den Forschungsprozess dargestellt habe, welche Rolle ich als Autor darin einnehme und was die Forschungen mit mir als Person und als  Autor machen. Er leitete daran anknüpfend zum Gespräch über: „Wie bist Du zu dieser Vorgehensweise gekommen? Warum hast du dich nicht auf die historische Darstellung beschränkt?“ Im folgenden können Sie meine Antwort nachlesen.
Ich bin Teil des Familiensystems Eppacher, also jener Familie, der das arisierte Haus von den lokalen NS-Behörden als Pächter zu begünstigten Mietkonditionen zugewiesen wurde. Gerade deshalb wollte ich für die LeserInnen offen und nachvollziehbar darstellen, wie ich zu dieser Geschichte arbeite, welche Fragen ich in diesem Zusammenhang an meine Vorfahren stelle, welche Fragen die Geschichte an mich stellt, welche alte Beziehungsmuster, aber auch welche neue Beziehungsdynamiken durch solche Forschungen in Gang gebracht warden können.

Ich wollte am eigenen Beispiel beschreiben, wie Geschichte über Generationen hinweg bis in unsere unmittelbare Gegenwart  nachwirkt, insbesondere im Falle von Arisierung (siehe das Unterkapitel „Ein Haus meiner Geschichte“, S. 268-270), zugleich wollte ich zeigen, wie die Schattenseiten von Geschichte heute positive verwandelt werden kann (siehe „Scham und Schweigen“, S. 177-181 sowie S. 224), auf welche emotionalen Prozesse sich auch der Autor, wenn er Teil eines betroffenen Familiensystems ist, einzulassen hat und wie dadurch deren negative Ausstrahlung auf mich und die nächsten Generationen unterbrochen werden kann.

Der umfassende Blick auf die eigene Familieneschichte enthält zugegeben auch schmerzhafte Momente.  „DANKE für dein wunderbares Buch … es tut auch manchmal weh … es ist ja unsere Geschichte“, schrieb mir unlängst ein Verwandter. Das kurze, schillernde Leben von Ludwig Beer ist – um es in der Sprache der Generation meiner Töchter auszudrücken – eine „coole“ Geschichte, jedoch mit tragischem Ausgang, ohne Happy-end. Doch die Beschäftigung damit, wenn wir diesen umfassenden Blick aushalten, kann uns unerwartet bereichern, das ist eine ganz wichtige Erfahrung der letzten Jahre von mir. Zum einen hat mich dieses Buch-Projekt in mehrere interessante Orte und Regionen in verschiedenen Ländern geführt.

Zum anderen bin ich bereichert worden, durch den Kontakt und den Austausch mit Menschen, von denen ich zuvor gar nicht wusste, dass es sie gibt, deren Familiengeschichten – vermittelt durch das Haus – jedoch Teil meiner eigenen Geschichte sind.

Familiengeschichten, die im Laufe der Zeit durch den Gang der Geschichte, entzweit worden sind, sollen zumindest heute auf der Ebene der Erzählung wieder eins werden können. Wie bei einem zerbrochenen Krug sollen die zerschlagenen Teile wieder zusammengefügt werden, die Brüche bleiben sichtbar, doch – und das ist die Absicht meines Buches – es ist wieder ein Krug bzw. es ist jetzt endlich ein gemeinsamer Krug, der uns alle aus den betroffenen Familien verbindet.

Wenn ich heute etwa mit Nachkommen von Rosa Beer zusammenkomme, dann empfinden wir immer eine tiefe Freude und Dankbarkeit dafür, dass wir diesen gemeinsamen Krug gefunden haben und seine zerschlagenen Teile zu einem Ganzen zusammenfügen können.

All diese Aspekte in ihren verschiedenen Facetten wollte ich bewusst den Leserinnen und Lesern zur Verfügung stellen. Sie sind nicht nur spannend zu lesen, aus meiner Sicht sind sie ebenso von öffentlichem Interesse wie die historische Geschichte selbst. Und auf diese Weise macht mein Buch erneut die untrennbare Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart deutlich.

Abschließend verweise ich auf einen weiteren inhaltlichen interessanten Aspekt, über den bei dieser Veranstaltung intensiv gesprochen wurde: Gerhard Botz hob hervor, dass sich ab der Mitte des ersten Jahrzehnts nach der Jahrtausendwende, also ab 2005, eine Häufung der kritischen Arbeiten zur Verwicklung und zur Verbindung der eigenen Familiengeschichte mit dem Nationalsozialismus beobachten lässt. „Offensichtlich hat sich da die „Grenze des Sagbaren“ verschoben, sowohl in der Gesellschaft als auch in den Familien.“

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