Lesung am 1.2.2016 in Prag (Österreichisches Kulturforum)

Die erste Lesung vor nicht-österreichischem Publikum. Rund 30 Personen waren in das Österreichische Kulturforum in Prag gekommen. Hier einige Stimmen: „Sie zeigen sich im Buch als Wissenschaftler und auch als Mensch. Das gefällt mir außerordentlich.“ „Beim Lesen und Hören Ihrer Texte wird die Arbeit des Historikers deutlich, und zugleich werden in den handelnden Personen die konkreten Menschen nachvollziehbar.“
„Ich hab gar nicht gewusst, dass Du so spannend schreiben kannst“, so Václav Maidl, Bibliothekar und Projektkoordinator für Literatur und Geisteswissenschaften am Österreichischen Kulturforum Prag, in seinem Eingangsstatement, dem er die Frage hinzufügte: „Wie bist Du überhaupt dazu gekommen, dieses Buch zu schreiben?“ Im folgenden lesen Sie meine Antwort.IMG_0008

„Wäre ich vor zehn Jahren gefragt worden, ich solle ein Buch über unsere Familiengeschichte schreiben, hätte ich vermutlich abgewinkt: ja, klingt interessant, aber keine Zeit, bin in anderen Projekten engagiert. Von Ludwig Beer wusste ich zu diesem Zeitpunkt nur schemenhaft einige, wenige Bruchstücke, ich kannte nicht einmal seinen Namen.

Ein Erlebnis hat dabei im Besonderen einen Wendepunkt markiert, und rückblickend ist es sicherlich mehr als Zufall, dass dieses Erlebnis mit Südtirol und unserer Familie zu tun hat. Mit einem Bruder bin ich im Mai 2008 im Südtiroler Vinschgau zwischen Meran und Reschenpass unterwegs: Radfahren und Wandern. An einem Abend hören wir in der katholischen Kirche eines Gebirgsdorfes, das mich sehr an den Geburtsort meiner Mutter im Pustertal erinnert, jüdische Lieder, und da hat es klick in mir gemacht. Ich musste nach vielen Jahren wieder an die jüdische Besitzerfamilie des Hauses auf der Kager in Wesenufer im Oberen Donautal denken.

Schnell war mir klar: Jetzt wollte ich doch mehr zu dieser Geschichte wissen. Zwei Jahre später hatte ich die ersten Unterlagen dazu aus dem Landesarchiv in Linz in der Hand. Sehr bald sah ich die anfängliche Annahme bestätigt: Ohne die Beschlagnahmung und anschließende Arisierung des Hauses von Ludwig Beer durch die NS-Behörden wären meine Großeltern Johann und Maria Eppacher als Folge Ihrer Option in Südtirol für das Deutsche Reich mit ihren Kindern, darunter meine Mutter, sehr wahrscheinlich nie nach Wesenufer gekommen, wo damals mein Vater als junger Mann lebte. In diesem Ort haben sich meine Eltern kennen gelernt.

Wenn also das arisierte Haus von Ludwig Beer ein wichtiger Baustein war, damit ich in die Welt kommen konnte und in Folge Historiker geworden bin, dann wollte ich jetzt eben genau diese konkrete Geschichte erforschen. So sehe ich mich sowohl als Historiker als auch als Nachkomme der Pächterfamilie Eppacher in der Verantwortung, diese Geschichte niederzuschreiben, weiterzuerzählen, in die Öffentlichkeit zu tragen, um so den NS-Opfern der Besitzerfamilie Beer ein Gesicht, eine Stimme zu geben. Diese sollen nicht vergessen werden.

Schon nach wenigen Monaten ist mir ein Zweites deutlich geworden: das Haus in Wesenufer kann mittels der Geschichte von seinem Besitzer, von Ludwig Beer und dessen Familie, von Welten erzählen, die mir seit Jahren und Jahrzehnten wichtig sind: Migration, Judentum, Kunst, Sport, Journalismus, Arbeiterbewegung, Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus. Auch in dieser Hinsicht sind das Haus und seine Geschichte für mich identitätsstiftend.

Im Laufe meiner Arbeiten gab es für mich noch einen weiteren Punkt, warum ich keine andere Wahl hatte, als dieses Buch zu schreiben. Immer deutlicher hat sich für mich folgende Kernthese herauskristallisiert: Im Prozess der Verbindung zwischen Familiengeschichte und Arisierung – auch wenn diese nicht initiiert und auch nicht aktiv betrieben worden ist – entsteht Scham. „Die Scham an sich ist etwas Gutes“, sagt der Schriftsteller Peter Handke. Jedoch, durch das Nicht darüber Sprechen führen Schamgefühle zu Schweigen, und in ihren weiteren Nebenwirkungen zu Legenden, Mythen und Selbst-Viktimisierung in der eigenen Familiengeschichte. Parallel dazu verschwinden die NS-Opfer immer mehr in der Erzählung.

Ich wollte deshalb mit dem Schreiben des Buches eine Form finden, mit Hilfe derer ich dem Schamgefühl von damals heute eine Sprache geben und damit zugleich einen Raum öffnen kann, der uns das Reden darüber erleichtert.“

IMG_9985
Weitere Fragen aus dem Gespräch mit Václav Maidl sowie im Zuge der Diskussion mit dem Publikum:
– immer wieder taucht im Buch die Kooperation mit den Neffen auf. Warum? Welche Funktion hatte dieses im gesamten gesamten Buch-Projekt? Sie waren (und sind) aktive Unterstützer als Reise-, Diskussions- und Reflexionspartner, darüber hinaus hat ihr Mitmachen entspannend auf das gesamte Familiensystem gewirkt (meine Empfehlung: für die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte ist die Einbeziehung von mehr als zwei Generationen sehr hilfreich!) und ihr Engagement hat schon während der Recherchen und des Schreibens gezeigt, dass mein Anliegen, die Geschichte weiterzuerzählen, auch innerhalb der Familie ein positives Echo findet.

– wie hat mein Familiensystem nach der Veröffentlichung reagiert? Kurz zuvor hatte ich zu einem Familientreffen (dem ersten nach dem Tod der Großeltern vor 23 Jahren) ein Wesenufer im Seminarhotel – quasi mitten im genius loci – eingeladen. Fast alle kamen, etwas mehr als 70 Personen. Meine Arbeit und mein Werk wurden durchgehend wertgeschätzt. Inhaltlich gab und es gibt es eine Streuung von verschiedenen Einschätzungen. Eine sehr positive habe ich im blogeintrag zur Lesung am 27.1.2016 angeführt. Ein weiterer Verwandter wird mich in Kürze besuchen. Wir werden gemeinsam auf den Spuren der Familie Beer in Wien zentrale Orte der Handlung im Buch aufsuchen.

Und natürlich gibt es auch einzelne skeptische bis ablehnende Stimmen, die meine kritische Herangehensweise für nicht angebracht halten. Und es gibt einzelne Stimmen, die an der bisherigen Form der Familienerzählung festhalten, wenngleich sie es positiv finden, dass an Hand unserer Familiengeschichte – in ihrer tragischen Verbindung mit der Tragödie von Familie Beer, die stellvertretend und exemplarisch für die ganz große Tragödie des NS-Diktatur sowie der Shoah steht – europäische Zeitgeschichte erzählt wird. Alle finden positiv, dass mit meinem Buch die Südtiroler Teile unserer Familiengeschichte auch für kommende Generationen nunmehr festgehalten sind und nicht mehr verloren gehen werden.

Darüber hinaus habe ich gerade in meiner Generation – und in der nächsten – von vielen das Echo bekommen: wir sehen jetzt die Famliengeschichte Beer als Teil unserer eigenen Geschichte und übernehmen dafür Verantwortung. Für mich ist das im Umgang mit der Geschichte der zentrale Punkt und deshalb freut mich dieses Echo ganz besonders.

– was wollen Sie uns mit Buch sagen? was ist Ihre wichtigste Botschaft? Eben dieser zuletzt angeführte Punkt, den Blick auf die gesamte Geschichte zu wagen, inklusive der unangenehmen, zuweilen schmerzhaften Teile. So wird Geschichte wirklich lebendig, ein Fundus, der für unser aktuelles Handeln Orientierung liefert. Dieser gesamthafte Blick ermöglicht zudem die Begegnung mit den Nachkommen der Opfer-Seite, eine große Bereicherung, und es gibt den Schuld- und Schamgefühlen, die damals bei unseren Vorfahren entstanden sind, heute eine Sprache und unterbricht somit deren Nachwirkungen auf meine und weitere Generationen. So suchen sich etwa diese Schamgefühle von damals in der transgenerationellen Übertragung auch heute in uns als Ersatz „Masken der Scham“, wenn darüber noch immer nicht geredet wird (vgl. Buch, S. 180/181). Mit dem Darüber  reden, mit dem Sich damit auseinandersetzen, mit der Reflexion dazu müssen wir diesen „Masken der Scham“ nun jedoch nicht mehr länger hinterherlaufen. Das hat für uns alle eine erleichternde Wirkung, schließlich ist das Vor-sich-Hertragen von „Masken“ auf die Dauer anstrengend.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s