Lesung am 29.2.2016 in Bratislava (Österreichisches Kulturforum)

Ein aufmerksames Publikum (rund 40 Personen) war im Österreichischen Kulturforum in Bratislava zusammengekommen. Viele interessante Fragen wurden gestellt, die auch Bezüge zum aktuellen Stand der eigenen Aufarbeitung von Geschichte in der Slowakei aufzeigten. Es war ein eindrucksvoller Abend, durch den der slowakische Lyriker und Dramatiker Milan Richter, zugleich Übersetzer und Verleger, führte. Sein Resümee: „Das Buch von Klaus Pumberger ist abenteuerlich, genau recherchiert, von einem Historiker verfasst, die Sätze sind jedoch nicht trocken formuliert, sondern frisch, als ob sie von einem Schriftsteller geschrieben sind. Das Buch ist auch bestens geeignet als Vorlage für einen Film.“RKC_29
Eine Stimme aus den zahlreichen Gesprächen, die der Lesung und der anschließenden Diskussion folgten: „Ihr Buch ist eine Einladung zum Dialog. Wir sollten es sehr schätzen, dass wir jetzt hier zusammensitzen. Mir imponiert, wie viele Türen sich für Sie während der Recherchen und des Schreibens aufgetan haben, wie Sie mutig durchgegangen sind, wie Sie mit einem offenen Blick neugierig für all das waren, was dann auf Sie zukam.“

Wilhelm Pfeistlinger, Direktor des Österreichischen Kulturforums in Bratislava, eröffnete die Veranstaltung. Er hob dabei ihren Untertitel hervor und verwies damit auf den Zusammenhang zwischen dem Ort der Lesung und einem zentralen Schauplatz der Handlung im Buch: „Ein arisiertes Haus, zwei Familien und eine überraschend europäische Geschichte zwischen Pressburg und Paris, Spanischem Bürgerkrieg, Südtirol und Dachau.“ Samuel Beer, der Großvater von Ludwig Beer, wuchs im jüdischen Ghetto von Pressburg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf. Hier hat die Geschichte von Familie Beer ihren Ausgangspunkt (vgl. Buch, S. 18/19).

RKC_44Direktor Pfeistlinger, der zusammen mit seinem Team mit einer engagierten Vorbereitung wesentlich zur gelungen Veranstaltung beigetragen hat, beendete seine kurze  Ansprache mit einem Zitat aus einem Gedicht von Rainer Maria Rilke: „Wer jetzt stirbt, ohne Grund, in der Welt, der sieht mich an!“ An der Lesung nahm auch der derzeitige österreichische Botschafter in der Slowakischen Republik, Herr Mag. Helfried Carl, teil.RKC_18

Breiten Raum in der Diskussion nahm die Frage ein, wie meine Begegnungen mit Nachkommen von Familie Beer verlaufen sind. Ich berichtete von meinen Suchprozessen, wie ich Verwandte von Ludwig Beer väterlicherseits in den USA und mütterlicherseits in Wien fand (vgl.  Buch, S. 35-42 sowie 60-63). Was nehme ich von diesen Begegnungen mit? „Ich kann und will Geschehenes nicht ungeschehen machen, mein Buch beschreibt das NS-Unrecht an Rosa Beer, den Raub des Besitzes von Ludwig Beer durch den NS-Staat sowie seine Verfolgung bis hin zur Hinrichtung. Es bleibt eine schmerzhafte Geschichte, mit tragischem Ausgang, ohne happy-end.

Doch die Beschäftigung mit dieser Geschichte kann uns unerwartet bereichern, das ist eine ganz wichtige Erfahrung der letzten Jahre von mir. Ich bin bereichert worden durch den Kontakt und den Austausch mit Menschen, von denen ich zuvor gar nicht wusste, dass es sie gibt, deren Familiengeschichten – vermittelt durch das Haus von Ludwig Beer – jedoch Teil meiner eigenen Geschichte sind.

Familiengeschichten, die im Laufe der Zeit durch den Gang der Geschichte, entzweit worden sind, sollen zumindest heute auf der Ebene der Erzählung wieder eins werden können. Wie bei einem zerbrochenen Krug sollen die zerschlagenen Teile wieder zusammengefügt werden, die Brüche bleiben sichtbar, doch – und das ist die Absicht meines Buches – es ist wieder ein Krug bzw. es ist jetzt endlich ein gemeinsamer Krug, der uns alle aus den betroffenen Familien verbindet.

Wenn ich mich heute  mit Verwandten von Ludwig Beer treffe, dann empfinden wir immer eine tiefe Freude und Dankbarkeit dafür, dass wir diesen gemeinsamen Krug gefunden haben und seine zerschlagenen Teile zu einem Ganzen zusammenfügen können.“ (spontaner Applaus im Publikum)

Milan Richter stellte in der Diskussion auch Bezüge zur Aufarbeitung von Geschichte in der Slowakei her: was wurde bisher bisher in der Slowakei zum Thema Arisierung und Familiengeschichte geschrieben? Nicht viel, nur ein einziges Werk, von einem Historiker verfasst, jedoch gibt es bislang kein einziges Buch, das von einem Nachkommen aus einer slowakischen Familie, die durch Arisierung begünstigt worden ist, erarbeitet worden ware. Abschließend referierte die Historikerin Martina Fiamová (Institut für Geschichte, Slowakische Akademie der Wissenschaften)  über die Arisierung in der Slowakei, wie sie schon im Herbst 1938 (Autonomie der Slowakei) begann mit der offiziellen Registrierung des jüdischen Eigentums und dann fortgesetzt wurde bis Frühling 1942, als die ersten Transporte nach Treblinka und Auschwitz abgingen. Sie sprach auch über die Verwaltung des jüdischen Eigentums durch das Zentralwirtschaftsamt  und über Augustín Morávek, den Direktor dieses Zentralwirtschaftsamtes (mehr dazu auf https://de.wikipedia.org/wiki/August%C3%ADn_Mor%C3%A1vek).

 

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