Lesung am 2.3.2016 in Wien-Simmering (SPÖ)

Ein weiteres highlight auf meiner Lesereise, rund 45 Personen waren gekommen. „Das Buch von Klaus Pumberger ist absolut dicht an Geschichte und Geschichten, aber auch dicht an Gefühlen der verschiedensten Art, auch dicht an Motiven, warum Menschen in bestimmten Situationen so und nicht anders handeln. Der Text ist phasenweise romanhaft geschrieben, sodas wir als LeserInnen mit den handelnden Personen auch psychologisch-seelisch mitgehen können, mit ihren Hoffnungen, in ihren innerfamiliären Auseinandersetzungen, in ihrer Verzweiflung“, so das einleitende Statement von Harald Troch, promovierter Historiker, Abgeordneter zum österreichischen Nationalrat, zugleich Vorsitzender der SPÖ in Wien-Simmering.20160302_184340-1
Zwei Stimmen am Schluß der Veranstaltung: „Es war ein ganz besonderer Abend für mich. Wo findet man schon zwei Geschichtsspezialisten zusammen an einem Tisch, die Geschichte(n) erzählen und miteinander diskutieren?“Das Buch von Klaus Pumberger macht Mut, selbst an die eigene Familiengeschichte kritische Fragen zu stellen.“ 

In seinem Eingangspunkt hob Harald Troch weitere wichtige Aspekte des Buches hervor. „Es ist auch ein politisches Buch, ein Buch über Kultur und Kulturen. Dabei sticht für mich die Beschreibung von drei, zum Teil sehr gegensätzlichen Milieus aus der alten k.u.k. Monarchie hervor:
* das jüdische Milieu in Wien um 1900;
* das Südtiroler Bauernmilieu;
* der Bezirk Schärding in Oberösterreich, ebenfalls bäuerlich geprägt, wenngleich gerade im Oberen Donautal auch die Tradition eines unabhängigen Marktbürgertums (Handwerker, Kaufleute) vorhanden ist (in den 1930er Jahren eine wichtige soziale Basis für den Aufstieg des Nationalsozialismus).
Besonders beeindruckt mich, wie Klaus Pumberger an Hand konkreter familiärer Schicksale die Vielschichtigkeit und Widersprüche der einzelnen Milieus schildert und lebendig werden lässt. So z.B. die tiefen sozialen Unterschiede im Südtiroler Bauernmilieu zwischen denen, die als (zumeist) älteste Söhne Hof und Besitz erben und denen, die als jüngere Geschwister (zumeist) nichts bekommen und sich als Knechte, Mägde, vielleicht noch als Landarbeiter und / oder Pächter fortbringen müssen. „Wir (Kinder eines Pächters und Landarbeiters) haben ja nur die Geißmilch gekriegt. Weil die Kuhmilch hat ja mehr Rahm gegeben, die Geißmilch war ja mager. Und da haben sie immer gesagt, von der Geißmilch wird man dumm. Das haben uns die anderen, die Bauernkinder, immer gesagt, heute sagt man, gemobbt.“ (Zitat aus dem Buch, S. 88)

Und Harald Troch fuhr fort: „Es ist auch ein Buch über den NS-Unrechtsstaat, über die Unrechtsideologie des Nationalsozialismus. Gerade der NS-Staat hat den Menschen jeden Schritt vorgegeben, bis in den Alltag hinein. Auch Menschen, die keine überzeugten Nationalsozialisten waren, wurden davon erfasst. Das Buch zeigt: Menschen sind immer der Politik, der Macht, den Mächtigen ausgesetzt, unter den ´Bedingungen einer Diktatur umso mehr.“

Die Diskussion verlief intensiv und überaus konzentriert, so ein Teilnehmer: „Die ganze Zeit über, mehr als eine Stunde lang, war die Aufmerksamkeit von uns allen so groß, dass Du eine Haarnadel runterfallen gehört hättest.“ Im Mittelpunkt der Diskussion standen dieses Mal persönliche Fragen: wie mit Dilemmatas umgehen? wie gingen damals die handelnden Personen, etwa meine Großeltern, mit Dilemmatas um, denen sie sich gegenüber sahen und in denen sie Entscheidungen mit weitreichenden Folgen getroffen haben? Etwa ihre Option in Südtirol im Spätherbst 1939 für die Auswanderung nach NS-Deutschland (vgl. dazu meinen blogeintrag zur öffentlichen Lesung in Innsbruck am 4.12.2015).

Diese historischen Dilemmatas, verbunden mit inneren Konflikten, dürfen jedoch in der historischen Betrachtung nicht aufgelöst warden. Dies käme einer „Fraktalisierung“ (Jiri Grusa, tschechischer Schriftsteller sowie Botschafter in Deutschland und Österreich, spatter leiter der Diplomatischen Akademie in Wien) von Geschichte gleich. Eine „Fraktalisierung“ von Geschichte liegt dann vor, wenn ein „Fraktal“, ein Teil der gesamten Geschichtskette herausgenommen wird – der als Teil an sich richtig ist (im Fall meiner Familiengeschichte z.B. „Hätte der Schwiegerrvater uns im Streit den Hof zugesprochen, wären wir nicht ausgewandert“, „Ohne die heftige Italianisierung während der faschistischen Herrschaft unter Mussolini hätten nicht so viele Südtiroler für das deutsche Reich optiert“,  „Das Haus von Ludwig Beer war bereits vor unserem Einzug von den lokalen NS-Behörden beschlagnahmt und arisiert, also hätte es eine andere Familie bekommen, wenn es uns nicht zugewiesen worden ware“) – und dieser eine Teil wird dann zur ganzen Geschichte erklärt. Diese Betrachtungsweise ist mehr als problematisch, da damit wichtige Teile der gesamten Geschichte (z:B. der Blick auf die Tragödie der Familie Beer) ausgeblendet und verdrängt werden. Und ebenso wird auf diese Weise weiterhin dem Blick auf dunkle Seiten der eigenen Familiengeschichte aus dem Weg gegangen, auf die damit verbundenen Brüche, Widersprüche und Ambivalenzen, auf daraus resultierende Schmerzen , Scham- und Schuldgefühle, mit ihren Nachwirkungen über Generationen hinweg bis in die Gegenwart.

Ferner wurde ich in der Diskussion mehrmals gefragt, ob ich selbst mich nicht immer wieder auch während der Recherchen und bei der eigenen Aufarbeitung der Familiengeschichte in persönlichen Dilemmatas wiederfand. Ja, und mein Weg, damit klar zu kommen, stützte und stützt sich nach wie vor auf zwei wesentliche Eckpfeiler: zum einen eine intensive Beziehungspflege und der Aufbau eines Netzwerks an Unterstützung (z.B. intensive Kooperation mit mehreren Neffen) innerhalb des eigenen Familiensystems. Zum anderen habe ich bewusst diese Dilemmatas innerhalb meiner Verwandtschaft offen angesprochen. So auch bei einem Familientreffen Anfang Oktober – in Wesenufer kamen mehr als 70 Personen aus vier Generationen zusammen  -, bei dem ich noch vor der ersten öffentlichen Präsentation mein Buch vorstellte: „Ich war mir von Anfang an bewusst, dass mein Buch innerhalb der Verwandtschaft da und dort auch Irritationen hervorrufen kann. Der eine oder die andere mag sich gefragt haben, muss das sein, das Leben der Großeltern in Zusammenhang mit dieser Geschichte in die Öffentlichkeit zu tragen. Ich habe mir diese Frage auch gestellt. Mehrmals, über all die Jahre hinweg. Und ich bin immer wieder zum gleichen Ergebnis gekommen.

Die Arisierung an sich, so auch der konkrete Fall hier in Wesenufer, war von Anfang bis Ende ein öffentlicher Vorgang. Zahlreiche Institutionen des NS-Staates (Gerichte, Finanzbehörden, Gestapo), Parteiorganisationen und Banken waren dabei in Aktion – auf der lokalen, regionalen wie auch auf der zentralstaatlichen Ebene. Der NS-Staat hat dabei eine Unmenge von Aktenbergen produziert: allein im Landesarchiv Linz liegen zu dem Haus etwas mehr als 500 Seiten, in Wien sind es um die 150. In diesen Akten taucht auch der Pächter immer wieder auf. Die Pächterfamilie ist Teil dieses öffentlichen Vorgangs und somit von öffentlichem Interesse.

Ein zweiter Punkt, mit dem ich gerungen habe: einerseits das karge Leben der Großeltern, durchzogen von viel und harter Arbeit, zudem zahlreichen, heftigen Schicksalsschlägen ausgesetzt, andererseits die Vertreibung und Verfolgung des Hausbesitzers durch die NS-Diktatur und ihrem Terror, bis hin zu seiner Ermordung, parallel dazu die Beschlagnahmung und der Raub seines Besitzes, dabei die Einschüchterung und die Willkür gegen seine Mutter, seine legitime Vertreterin, als er sich im Ausland befindet. Diese erleidet zu alldem hinzu auch einen materiellen Schaden: der von den lokalen NS-Behörden festgesetzte Pachtzins liegt in etwa auf dem Viertel des Marktwertes und durch diese begünstigten Mietkonditionen für die Großeltern entgehen der Mutter des Besitzers über die Jahre hinweg Pachteinnahmen in der Höhe von etwa drei Jahreseinkommen in ihrer Tätigkeit als Krankenschwester.

Und so habe ich mich oftmals gefragt, wie kann ich all das, was ich jetzt sehr gerafft vorgetragen habe, in dem Buch darstellen, ohne dass das eine das andere relativiert? Ich beschreibe die Tragödie der Besitzerfamilie Beer, die beispielhaft für die ganz große Tragödie steht, jener des NS-Terrors gegen politische Gegner sowie der Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung, bis hin zu ihrer Vernichtung, der Shoah. Zugleich beschreibe ich, wie meine Großeltern in diese Tragödie verwoben sind, wie es dazu gekommen ist, damit wir heute diese Geschichte besser verstehen können.

Ich persönlich erachte es als eine große Tragik im Leben meiner Großeltern, dass ausgerechnet diese beiden Menschen, gezeichnet durch ein hartes Leben, gebeutelt durch mehrere Schicksalsschläge, dass diese beiden Menschen als Folge ihrer Option in Südtirol für das Deutsche Reich mit dieser Tragödie verbunden werden. Sie haben damit teil am kollektiven Schicksal, sie stehen exemplarisch quasi als Repräsentanten für jene Kreise der Bevölkerung, die im ideologischen Sinne nicht-nationalsozialistisch waren, zugleich jedoch eingebunden in den NS-Staat und in sein Herrschaftssystem.

Dazu sei ein letzter Punkt hinzugefügt: im Vorfeld dieser Veranstaltung habe ich von Sorgen gehört, ob in dem Buch nicht etwas drinnen steht, wofür wir uns als Familie heute schämen müssten.

Wenn ich mich mit der Frage des Umgangs mit dieser Geschichte beschäftige, dann schreibe ich auch über Schamgefühle, die als Folge von Armut, sozialem Abstieg, Italianisierung, Option, und ebenso im Zuge der Verbindung mit Arisierung entstehen. Das meint jedoch eben nicht das „Sich Schämen müssen“ im landläufigen Sinne, das von außen an einen anklagend herangetragen wird, sondern Schamgefühle kommen von unserem Inneren heraus, entsprechen moralischen Kategorien, nach denen wir uns richten. „Die Scham an sich ist etwas Gutes“, so der Schriftsteller Peter Handke.

Schamgefühle stehen zugleich jedoch immer auch für einen inneren Konflikt: meine Großeltern sind durch das Wohnen als Pächter in einem arisierten Haus mit etwas verbunden, was mit ihren moralischen Wertvorstellungen nicht übereinstimmt. Und über innere Konflikte als Folge von Abweichung von eigenen Idealen und Werten zu sprechen, ist zuweilen unbequem und heikel.

Durch das Nicht darüber Sprechen verhärten sich Schamgefühle also zu Schweigen, und in ihren weiteren Nebenwirkungen produzieren sie als Folge des Nicht darüber Sprechens Legenden, Mythen und Selbst-Viktimisierung in der eigenen Familiengeschichte. Parallel dazu verschwinden die NS-Opfer immer mehr in der Erzählung.

Ich wollte deshalb mit dem Schreiben des Buches eine Form finden, mit Hilfe derer ich dem Schamgefühl von damals heute eine Sprache geben und damit zugleich einen Raum öffnen kann, der uns das Reden darüber erleichtert.“

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s