Lesung am 12.3.2016 in Berlin

Besonders beeindruckend finde ich an dem Buch von Klaus Pumberger, dass er zum einen  Empathie für das Leben seiner Großeltern entwickelt, zum anderen zugleich auf Augenhöhe mit ihnen kritische Fragen stellt“, so eine Stimme aus dem Publikum. 30 Personen waren in den Robert-Havemann-Saal im Haus der Demokratie und Menschenrechte in Berlin gekommen. Mit der Lesung wurde der „Tag der Offenen Tür“ der „Kreisau-Initiative“ (www.kreisau.de) abgeschlossen.

Breiten Raum nahmen in der anschließenden Diskussion jene Teile des Buches ein, die sich mit Südtiroler Zeitgeschichte (vgl. dazu Berichte zu den kommenden Lesungen in Südtirol vor Ort sowie zur Lesung am 4.12.2015 in Innsbruck) beschäftigen. Dem vorwiegend deutschen Publikum waren diese einschneidenden Ereignisse (z.B. Italianisierung, Option, Umsiedlung) der Südtiroler Zeitgeschichte, die zugleich über die Region hinausgehend zentrale Themen der europäischen Zeitgeschichte spiegeln, bislang weithin unbekannt.

Ferner kreiste das Gespräch, moderiert durch Agnieszka von Zanthier (Freya-von-Moltke Stiftung, Berlin) lange Zeit um die Frage, inwieweit und wodurch das im Buch beschriebene Haus für mich selbst identitätsbildend ist. Hier im folgenden meine Antwort: „Im Herbst 2010 hatte ich die ersten Unterlagen aus dem Landesarchiv in Linz in der Hand. Sehr bald sah ich die anfängliche Annahme bestätigt: Ohne die Beschlagnahmung und anschließende Arisierung des Hauses von Ludwig Beer durch die NS-Behörden wären meine Großeltern mit ihren Kindern, darunter meine Mutter, sehr wahrscheinlich nie nach Wesenufer gekommen, wo damals mein Vater als junger Mann lebte. Hier haben sich meine Eltern kennen gelernt.

Wenn also das arisierte Haus von Ludwig Beer ein wichtiger Baustein war, damit ich in die Welt kommen konnte und in Folge Historiker geworden bin, dann wollte ich jetzt eben genau diese konkrete Geschichte erforschen. So sehe ich mich sowohl als Historiker als auch als Nachkomme der Pächterfamilie Eppacher in der Verantwortung, diese Geschichte niederzuschreiben, weiterzuerzählen, in die Öffentlichkeit zu tragen, um so den NS-Opfern der Besitzerfamilie Beer ein Gesicht und eine Stimme zu geben. Diese sollen nicht vergessen werden.

Schon nach wenigen Monaten ist mir ein Zweites deutlich geworden: das Haus kann mittels der Geschichte von seinem Besitzer, von Ludwig Beer und dessen Familie, von Welten erzählen, die mir seit Jahren und Jahrzehnten wichtig sind: Migration, Judentum, Kunst, Sport, Arbeiterbewegung, Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus. Auch in dieser Hinsicht sind das Haus und seine Geschichte für mich identitätsstiftend.“

Die intensivere Beschäftigung mit dem „Kreisauer Kreis“ und seinem Gedankengut – als Folge meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Vorstand der „Kreisau-Initiative“ – war daher auch für mein Buch-Projekt eine wichtige Motivation. Es war und ist mir ein Anliegen, im Buch nicht nur die historische Bedeutung von Widerstand in der NS-Zeit herauszuarbeiten, sondern auch seine aktuelle. So schreibe ich an einer Stelle: „Das kostbarste Erbe des Widerstands von Ludwig Beer und seinen Genossen liegt für mich (in folgendem): Sie haben gezeigt: es gibt immer eine Wahlmöglichkeit für das eigene Handeln, auch unter den Bedingungen der NS-Diktatur.“ (S. 284) Und an einer anderen Stelle führe ich aus: „Wenn ich die Biografie von Ludwig Beer mit ihren Widersprüchen darstelle, dann ist es insbesondere dieser Mut, den ich festhalten will. Ich sehe in ihm einen Fundus, der auch aktuell Orientierung für mein eigenes Handeln bietet.“ (S. 145).

Meine Absicht ist es, Geschichte und Geschichten weniger zu dokumentieren, vielmehr will ich sie vergegenwärtigen. Die Leserinnen und Leser sollen an Hand meines Buches in verschiedene geschichtliche Epochen mitten hineingeführt werden. Für diesen Zugang war beim Schreiben meines Buches die Biographie des jungen Helmuth James von Moltke, verfasst von dem deutschen Schriftsteller Jochen Köhler, eine große Inspiration. So gelingt es etwa Köhler mit seiner wunderbaren poetischen Sprache, die versunkene Welt des niederschlesischen Gutshofes Kreisau der 1920er und 1930er Jahre bildhaft wiederauferstehen zu lassen. Oder auch die sehr plastisch beschriebene Reise des 19-jährigen Helmuth James von Moltke mit dem Zug im Sommer 1926 ins Salzkammergut an den Grundlsee zur „Villa Seeblick“ sowie der dort sich um die Wiener Reformpädagogin Eugenie Schwarzwald versammelnde bunte Kreis von Menschen aus unterschiedlichen Ländern. Diese detailliert geschilderten Erlebnisse stellen bei mir als Leser eine direkte Verbindung zum Geschriebenen her, als ob ich selbst ein Mitreisender wäre.

 

 

 

 

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