Lesung am 18.3.2016 in Bozen (öffentlich)

Das Buch von Klaus Pumberger ist ein ganz außerordentliches“, so der Südtiroler Zeithistoriker Leopold Steurer in seinem Eingangsstatement. Rund 20 Personen waren in den alten Sitzungssaal des Tiroler Landtages im Bozener Stadtarchiv in der Bozener Altstadt (Unter den Lauben) gekommen. Eingeladen zu meiner ersten öffentlichen Lesung in Südtirol hatte die Michael-Gaismair-Gesellschaft. „Sein Buch geht weit über die drei im Untertitel angesprochenen Bereiche – Arisierung, Verdrängung, Widerstand – hinaus. Es ist akribisch recherchiert, Klaus Pumberger erweist sich zudem als Detektiv. Das Buch ist leicht lesbar wie ein Kriminalroman.“ 

Es ist faszinierend„, so Leopold Steurer in seinen weiteren Ausführungen, „wie im Buch an Hand eines einzigen – zudem unscheinbaren – Hauses aus einem kleinen Ort an der Donau in Verbindung mit der Geschichte zweier – gewöhnlicher – Familien ein Großteil der europäischen Zeitgeschichte aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erzählt wird.“ Dabei hob Steurer folgende Aspekte, die im Buch geschildert werden, besonders hervor:
* die Lebensbedingungen der Juden in der österreichisch-ungarischen Monarchie, bildhaft dargestellt am Aufstieg der Familie Beer vom Hutmacher – Handwerker waren die absolut soziale Unterschicht im jüdischen Ghetto in Preßburg (heute: Bratislava) – zum angesehenen Redakteur in der „Neuen Freien Presse“, die wichtigste liberale Tageszeitung in der Monarchie;
* die Geschichte der Arbeiterbewegung im „Roten Wien“ der 1920er und 1930er Jahre sowie ihr Widerstand gegen den Austrofaschismus;
* ein plastisches Zeitbild für das Südtiroler Bauernmilieu zu Beginn des 20. Jahrhunderts;
* eine genaue Rekonstruktion der Arisierung des Hauses, „mit welcher Perfedie sie gemacht wurde“, und auch der Restitution, inklusive der Schikanen, denen Rosa Beer vonseiten der Republik Österreich ausgesetzt war,
* der Niederschlag, den die Geschichte(n) auch in den Generationen der Söhne bzw. Töchter und auch der Enkel findet, sowie
* „die Leserinnen und Leser sind direkt in den Forschungsprozess einbezogen. Sie können nachvollziehen, welche Fragen sich Klaus Pumberger stellt, wie er Positionen und Thesen im Zuge der Recherchen verändert, welche Emotionen die Arbeiten an seinem Buch auch bei ihm selbst auslösen.“

Bei der Diskussion, die auf die Einführung von Leopold Steurer und auf die Lesung von Klaus Pumberger folgte, und die von der Südtiroler Zeithistorikerin Martha Verdorfer moderiert wurde, nahmen folgende Fragen und Themen breiteren Raum ein:
* was hat mich motiviert, an diesem Buch-Projekt über viele Jahre hinweg so intensiv zu arbeiten? Vgl. dazu meinen Bericht zu der Lesung in Prag am 1.2.2016 am Österreichischen Kulturforum.
* wie habe ich Familiengeschichte und „große“ Geschichte verwebt? Zunächst beide Stränge genau studiert, die „große“ Geschichte ist ja heute in sehr vielen Detailbereichen dank der Arbeiten einer kritischen Generation an jungen Historikern und Historikerinnen, die viele bisherige „weiße Felder“ erforscht haben, sehr genau bekannt. Dann ergibt sich die Verwebung schon fast von selbst, es öffnen sich in der Folge Panoramen von bestimmten Epochen und Welten, auch für die (jungen) Menschen von heute. Einige Beispiele:
– die verschiedenen sozialen Schichten in der Südtiroler Bauernwelt wurden durch zahlreiche Publikationen (historisch wie literarisch) in den letzten beiden Jahrzehnten sehr genau beschrieben. Aussagen aus den Interviews mit meinen Verwandten, die diesen Hintergrund ebenfalls verdeutlichen, habe ich damit verknüpft,
– auch der Streit um den Maurerhof lässt sich nicht verstehen, wenn wir ihn nicht in Beziehung setzen, mit mehreren wichtigen Ebenen, die für die damalige gesellschaftliche Struktur entscheidend waren: (vgl. Buch S. 104)
** Erbrecht/Besitzverhältnisse – der Älteste bekommt alles, die Jüngeren bekommen wenig, in vielen Fallen oft gar nichts. Die Freiheit des Ältesten als Bauern beruht auf der sprichwörtlichen Knechtschaft der jüngeren Geschwister,
** dominierende Stellung des Mannes – untergeordnete, ökonomisch völlig abhängige Rolle der Frau,
** beherrschende Stellung der katholischen Kirche und seines Klerus;
** Italianisierung ab den 1920er Jahre – öffnet auch neue ökonomische Möglichkeiten bei gleichzeitiger  Aufgabe der bisherigen kulturellen Identität, verbunden mit dem an den Rand gedrängt werden in der eigenen Gruppe und subjektiv empfundener Beschämung (Beschädigung des eigenen Selbstwertes),
– in dem Kapitel um Stalingrad zitiere ich einen Tagesbefehl der 100. Jäger-Division von Mitte Juli 1942 (Wein aus Südtirol ist eingetroffen, der auch meinen Onkel Josef Haspinger erreicht haben könnte). Dies nehme ich zum Anlaß, zum einen Verbindung zu meinem Onkel herzustellen, wie es ihm in diesen Wochen und Monaten bis zum Tod hin  – vor allem auch psychisch-seelisch – ergangen sein mag. Zum anderen ordne ich diese persönlichen Erfahrungen ein in den größeren Kontext – Mitte Juli 1942 als den absoluten Tiefpunkt der europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert. So übernehme ich die Frage, die eben in diesen Tagen die amerikanische Journalistin Dorothy Thompson in ihrer Sendung an ihren deutschen Freund stellt: „Hans, was macht ihr in der russischen Steppe?“ und ich zitiere, wie der damalige Sekretär des Ältestenrates im jüdischen Ghetto, der spätere „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki, ebenfalls genau in diesen Tagen vom Befehl eines führenden SS-Mannes mitbekommt, wonach die Menschen im Ghetto „umgesiedelt“, d.h. in den von den Nazis inzwischen errichteten Todesfabriken ermordet werden.

* habe ich mit meinen Arbeiten zum Buch neue Wurzeln hinzugewonnen? Ja, auf alle Fälle!! Indem ich für die Geschichte der Familie Beer Verantwortung übernehme, sie Teil meiner eigenen werden lasse, sie quasi „adoptiere“ (vgl. Rezension „Tief hinter die Maske der Scham schauen“ in der Tageszeitung „Die Presse“), sind viele Wurzeln hinzugekommen, die mir als Thema ohnehin schon seit langem wichtig waren: Sport, Kunst, Judentum, Migration, Geschichte der Arbeiterbewegung, Widerstand und Verfolgung in der NS-Zeit. Und auch die Südtiroler Wurzeln erscheinen in einigen Facetten in einem anderen Licht: so tritt mir in den Akten meine Mutter als Mädchen oft nicht als „Aloisia“ oder „Loisi“ entgegen (von der ich immer in den Erzählungen gehört habe), sondern als „Lugia“. Oder auch der Schmerz über den Verlust als Folge der Umsiedlung und Auswanderung und das Gefühl des Ausgegrenztseins am Anfang in der neuen Umgebung lassen mich etwas anders auf meine Familiengeschichte blicken. An dieser Stelle ergänzte Martha Verdorfer, dass diese Suche nach zusätzlichen Wurzeln gerade in der Region Südtirol mit seiner widersprüchlichen, ambivalenten, eben nicht eindeutigen Geschichte besonders lohnend sein könnte.
Und ich habe dank mehrerer Mitglieder aus der Familie Haspinger ganz unerwartet eine weitere „Wahl-Verwandtschaft“ dazu bekommen!

* der Aspekt des „Fremd-seins“ und „Ausgegrenzt-seins“ zu Beginn in der neuen Umgebung wurde denn in der Diskussion noch einmal explizit angesprochen. War dies wirklich so heftig, wie ich ihn im Buch beschreibe: „Jetzt sind die Zigeuner da!“ Nach den Aussagen meiner Verwandten und nach Erfahrungen anderer Südtiroler Umsiedlerfamilien zu schließen: ja, eindeutig ja!!! Allerdings wurde die Schärfe dieser Erfahrungen schon nach wenigen Jahren abgemildert. „Die katholische Kirche ist der Ort in Wesenufer, der die Integration von Familie Eppacher in ihre neue Umgebung vorantreibt. Die Eppachers bleiben auch in der NS-Zeit regelmäßige Kirchgänger, und das nicht nur an Sonn- und Feiertagen. Die Buben werden Ministranten, die jungen Mädchen gehen bald zum Kirchenchor.“ (Buch, S. 303)

Die Auswanderung meiner Verwandten ist ein weiteres plastisches Beispiel für die Widersprüchlickeit, für die Ambivalenz Südtiroler Zeitgeschichte: zum einen ist die Auswanderung verbunden mit Schmerz über Verlust und „Fremd-sein“, zum anderen wird die Auswanderung zugleich vollzogen als Umsieldung, finanziert und organisiert durch den NS-Staat, unterstützt und begleitet von seinen Sozialeinrichtungen, begünstigt durch die „Wohltaten“ der NS-Sozialpolitik (Kindergeld, schnelle Zuweisung von Arbeit an meinen Großvater und die älteren Kinder) sowie durch die Folgen der Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung (Zuweisung eines arisierten Hauses zu begünstigten Mietkonditionen).

 

 

 

 

 

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