Lesungen am 18.3.2016 in Bozen (Schulen)

Die ersten Lesungen zu meinem Buch in Südtirol erzielten großes Interesse, positives Echo und hohe Aufmerksamkeit.  In der Wirtschaftsfachoberschule „Heinrich Kuntner“ (Bozen) nahmen rund 45 Schüler und Schülerinnen teil, in der Technischen Fachoberschule „Max Valier“, ebenfalls Bozen, waren es rund 75. An beiden Schulen wurde die Veranstaltung von engagierten Lehrerinnen mit großem Einsatz vorbereitet, bei den Veranstaltungen waren auch die beiden Direktorinnen anwesend.  Im zweiten Teil der Veranstaltung folgte auf die Lesung ein spannendes Gespräch mit vielen Fragen.

Sehr große Aufmerksamkeit und intensive Konzentration bei den Zuhörern und Zuhörerinnen erzielte die Lesung mit den Passagen zu Ludwig Beer und seinem kurzen, schillernden Leben, insbesondere der hohe Stellenwert, den das Lernen für Ludwig Beer einnahm. Weiters fanden folgende Passagen größere Beachtung:
* die Liebeskarten, die zwischen meiner späteren Großmutter Maria Hellweger und ihrem späteren ersten Mann Konrad Haspinger hin- und hergingen, als dieser ab Mai 1915 Soldat an der Dolomitenfront war,
* die Szenen der Zugfahrt, als Familie Eppacher im Sommer 1940 aus dem Pustertal (Taisten-Welsberg) in das Obere Donautal (Wesenufer bei Passau) umgesiedelt wurde,
* die anfängliche „Fremdheit“ und das zeitweise Ausgegrenzt-Sein für Familie Eppacher (von den Einheimischen) nach ihrer Ankunft am Ende der Umsiedlung,
* das Überwinden von historischen Differenzen am Beispiel des heftigen Streites um den Maurerhof in Taisten zwischen den beiden Familien Eppacher und Haspinger am Anfang der 1930er Jahre – Begegnungen zwischen Nachkommen aus beiden Familien achtzig jahre später (vgl. dazu im Buch S. 106 – 108).

Eine Frage, die mehrfach angesprochen wurde, zielte auf meine Motivation ab: „Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?“ Vgl. dazu den Bericht zu meiner Lesung am 1.2.2016 in Prag am Österreichischen Kulturforum.

Ebenfalls kamen Fragen zum Titel meines Buches: Was ist damit genau gemeint: „Worüber wir NICHT geredet haben?“ Wer ist das „wir“? Wer ist damit gemeint? Was ist das „Worüber wir NICHT geredet haben“? Was ist damit wiederum gemeint?

Worüber wir nicht geredet haben? Damit meine ich für das Buch vor allem die Option und das Leben des Ludwig Beer, zu einem großen Teil auch sein arisiertes Haus und dessen Geschichte. Das „Wir“ stellt sich für mich auf mehreren Ebenen dar:
* Meine Großeltern und ich haben zu dieser Geschichte nicht gesprochen;
* Auch in der Familie, in der ich aufwuchs, wurde zu wichtigen Teilen der im Buch beschriebenen Geschichten – so zur Person Ludwig Beer und seinem Leben wie auch zur Option – nicht gesprochen. Ich selbst habe mehrere Bruchstücke gekannt, die ich in der Einleitung anführe, ab einem Zeitpunkt, als ich in etwa meine Matura hatte.
* Etwa zwei Drittel der Enkel-Generation hat bis zum Beginn meiner Recherchen von der Geschichte der Hauses auf der Kager nichts gewusst, die weiteren kannten wie ich einzelne bis mehrere Bruchstücke. Dass dies bei Familienfesten oder Familienzusammenkünften ein Thema war, daran kann ich mich nicht erinnern.
* Ich habe während meines gesamten Geschichtestudiums nie mit StudienkollegInnen oder Professoren darüber gesprochen, die Themen Nationalsozialismus, Verfolgung und Widerstand waren jedoch zentrale meines Studiums,
* Auch habe ich bis zum Beginn meiner Arbeiten weder mit meinen Töchtern noch mit meinen Neffen bzw. Nichten über diese Geschichte gesprochen oder diskutiert, einige von ihnen wussten bis dahin ebenfalls nichts von der Geschichte. Mehrere von ihnen waren da schon mitten in ihrem Geschichtsstudium, doch in unseren regelmäßigen Treffen tauchte die Kager, ihre Geschichte und die Verbindung der beiden Familie damit nie als Thema auf,
* Auch im Ort von Wesenufer – also ein Spiegel der österreichischen Gesellschaft lange Zeit nach 1945 – wurde darüber nie (offen) gesprochen, im Heimatbuch, veröffentlicht 2004 bzw. 2005, taucht die Geschichte der Arisierung mit keinem einzigen Wort auf.
* In Südtirol war das Thema Option bis Ende der 1970er / Anfang der 1980er Jahre ein absolutes Tabu, die ersten öffentlichen Debatten dazu waren dementsprechend explosiv. Noch heute, so ein Lokalhistoriker im Gespräch mit mir während meiner Recherchen, fällt es der älteren Generation sehr schwer, über diese Zeit  offen zu sprechen. Selbst im privaten Vier-Augen-Gespräch haben es viele abgelehnt, mit ihm darüber zu sprechen. Sein weise Reaktion: Er hat sie dann gebeten, ihre Erlebnisse und Erfahrungen zu dieser Zeitepoche zumindest aufzuschreiben, sodass sie auf diesem Wege den künftigen Generationen erhalten bleiben.

Darüber hinaus verstehe ich mein Buch als Anregung und Einladung zugleich an die Leserinnen und Leser, für sich selbst nachzudenken, worüber ist zu den im Buch angesprochenen Themen in ihren Familien, in den verschiedenen Milieus, in denen sie sich bewegen, in denen sie groß geworden sind, nicht gesprochen worden.

Im Zuge der Gespräche im Anschluß an die beiden Lesungen habe ich die anwesenden Schülerinnen und Schüler gefragt: Wer von Euch weiß, wie Eure Vorfahren – zumeist schon die Urgroßeltern, in wenigen Fallen auch die Großeltern – in der Option „gewählt“ haben? In einem Fall wußten es rund zehn Prozent, im zweiten rund fünfzehn Prozent.

In der Ausgabe vom 19. März 2016 berichtete auch die Südtiroler Tageszeitung „Dolomiten“ über meine Lesung in der Technischen Fachoberschule „Max Valier“. Hier der link:

Lesung_Bozen_WFO_Bericht_Dolomiten

 

 

 

 

 

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