Lesung am 15.4.2016 in Altheim

Ein starkes Echo auf mein Buch und meine Lesung in Altheim (zwischen Braunau und Ried im Innviertel)! In diesem Ort bin ich aufgewachsen, hier haben meine Großeltern Johann und Maria Eppacher ihre letzte Lebensstation verbracht, die auch in den Epilog meines Buches Eingang gefunden hat. Rund 120 Leute waren im Kultursaal der Landesmusikschule zusammengekommen (bei Eintritt!). Der Veranstalter, die Stadtbibliothek Altheim, konnte nicht nur ein sehr zahlreiches, zugleich auch ein sehr buntes Publikum begrüßen: Verwandte, Menschen mit Bezug zur Familie Pumberger, Menschen mit starkem Interesse am inhaltlichen Thema des Buches, Funktionsträger der Stadtgemeinde Altheim (Bürgermeister, Amtsleiter, Gemeinderäte), Freunde und Bekannte aus unterschiedlichen Milieus: katholisch-bürgerlich, sozialdemokratisch-gewerkschaftlich, alternativ-unabhängig. Jugendliche, Erwachsene und auch Menschen im hohen Alter verfolgten mit großer Aufmerksamkeit  sowohl meine kommentierende Erzählung als auch die Lesung der Textpassagen, vorgetragen durch den Grabredner Hannes Benedetto Pircher (im Vinschgau aufgewachsen, lebt heute in Wien), der mit seiner grandiosen schauspielerischen Stimme bei den Zuhörerinnen und Zuhörern einen starken Eindruck und zudem viele anschauliche, betroffen machende  Bilder im Kopf hervorrief.
„Unglaublich, wie viel ein einziges Haus mit seinen beiden Familiensagas Beer und Eppacher von der europäischen Zeitgeschichte erzählen kann! Die Textstellen wurden so spannend vorgelesen, die begleitende Kommentar war so nachvollziehbar. Der ganze Abend war äußerst kurzweilig, für mich hätte die Lesung ruhig noch länger dauern können“, so eine Stimme aus dem Publikum. Bei ausgezeichnetem Wein und anderen Getränken sowie einem reichhaltigen Buffet hatte das engagierte Team um die Leiterin der Stadtbibliothek, Elisabeth Lobe, zu weiteren informellen Gesprächen zwischen Autor und Publikum eingeladen.

Bei der Vorstellung des Buches ging ich auch näher auf die Südtiroler Option im Herbst 1939 ein. Als Folge ihrer Option für das Deutsche Reich gelangten ja meine Großeltern mit ihren zehn Kindern (darunter meine damals elfjährige Mutter Aloisia Pumberger) im Sommer 1940 nach Wesenufer ins Obere Donautal. Sie wurden Pächter des Hauses auf der Kager 5, das zuvor von den lokalen NS-Behörden beschlagnahmt und arisiert worden ist.
Bewusst wählte ich dafür einen unüblichen Zugang. Zum einen verwies ich auf das entsprechende Kapitel im Buch. Zum anderen sangen wir – Hannes Benedetto Pircher, ich und mein Onkel Robert Eppacher (er war bei der Umsiedlung drei Jahre alt, er lebt heute ebenfalls in Altheim), den ich dafür unabgesprochen auf die Bühne bat – zunächst die erste und die letzte Strophe des bekannten Bozener Bergsteigerliedes „Wohl ist die Welt so groß und weit“. In diesem Lied, das auch zu den Lieblingsliedern meiner Großeltern gehörte und  immer wieder auf unseren Familienfesten gesungen wurde, werden die Schönheiten der verschiedenen Landschaften Südtirols besungen. Der Text stammt von Karl Felderer, geschrieben Mitte der 1920er Jahre, auch als Reaktion auf die damals verstärkt einsetzende Italianisierung. Zugleich findet sich in den verschiedenen Strophen des Liedes nicht einmal das Wort „deutsch“, nicht einmal das Wort „Deutschland“.
Rund 15 Jahre spater verfasst derselbe Karl Felderer ein Gedicht „Brennende Lieb´“ (neben der Liebe sind damit auch die Geranien gemeint, die in Südtirol auf vielen Häusern bis hin zu Almhütten auch heute noch zu sehen sind). Dieses Gedicht wurde zu einem der wichtigsten Propagandainstrumente, mit welcher der nationalösozialistische „Völkische Kampfring Südtirol“ (VKS) für die Auswanderung nach NS-Deutschland warb. Es wurde von Ort zu Ort weitergereicht, von Hof zu Hof, von Familie zu Familie. Karl Felderer schreibt in seiner „Brennenden Lieb´“ (vgl. Buch, S. 175):
So reißet vom sonnigen Erker
Die letzte brennende Lieb;
Die Treue zu Deutschland war stärker; (hervorgehoben durch mich, KP)
Das heiligste was uns blieb.
Wir nehmen sie mit im Herzen

Für and’re dereinst Symbol,
Sie stille des Heimweh’s Schmerzen:
Leb wohl du, mein Südtirol!

Auch die Aktivisten, die sich für das Bleiben einsetzten, haben ihre „Brennende Lieb´“ in Umlauf gebracht (vgl. Buch, S. 175):
Am Erker blühet wie immer
Die leuchtende „Brennende Lieb“,
Die Treue zur Heimat war stärker,
Wie jauchzen wir, dass sie uns blieb.
O blühe und leuchte du Blume
Ein Zeichen der Treue du bist!
Und künde, dass Glaube und Heimat
Das Höchste für uns ist.

Nach dem Singen der beiden Strophen „Wohl ist die Welt so groß und weit“, an dem sich vor allem bei der ersten Strophe viele Menschen aus dem Publikum beteiligten, habe ich die beiden „brennenden Lieben“ vorgelesen. Ich wollte damit in kurzer Zeit deutlich machen, wie gespannt, wie aufgeladen die politische und gesellschaftliche Situation im Herbst 1939 in Südtirol war. Historiker und Politikwissenschafter sprechen nicht zu Unrecht von einem „ideologischer Bürgerkrieg, der mit allen Mitteln der damaligen Propaganda, aber auch mit psychologischer und personeller Gewalt ausgetragen wurde.“ (vgl. Buch, S. 169) Ferner lassen dieses Lied „Wohl ist die Welt so groß und weit“ und die beiden „brennenden Lieben“ uns heute nachvollziehen, wie sich zwischen 1925 und 1939 das gesellschaftliche Klima in Südtirol geändert hat. Die Heimat, die noch zuvor im Lied gepriesen wird, selbst der Himmel ist nicht schöner als diese Heimat, so die letzte Strophe, wird im Herbst 1939 nachrangig. „Die Treue zu Deutschland“, d.h. die Treue zu Hitler-Deutschland, wird nun eben über diese Heimat gestellt, die „Treue zu Deutschland“ ist das „heiligste, was uns blieb“, dafür wird die Heimat aufgegeben.

Ein weiterer Aspekt, der in meinen Ausführungen breiten Raum einnahm, war die Frage, was hat die Geschichte mit uns heute zu tun? „Die Geschichte des arisierten Hauses und die beiden Familiensagas Beer sowie Eppacher fügen sich zu einer großen österreichischen, südtirolerischen und auch europäischen Geschichte, wie ein Rezensent in der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ unlängst treffend geschrieben hat. Sie ist jedoch auch verbunden mit Schmerz, Schamgefühlen sowie Schuldgefühlen. Dies auszuhalten, kann heute noch schmerzhaft sein, wie ich an mir selbst beim Recherchieren und Schreiben zuweilen festellen musste.

Der umfassende Blick auf die Geschichte ist notwendig, damit ihre Wunden nicht nur auf Eis gelegt, sondern tatsächlich ausheilen können. Alles hat zugleich seine Zeit, denn für letzteres braucht es sowohl stabile demokratisch-gesellschaftliche Verhältnisse als auch stabile persönlich-emotionale Lebensumstände. Dieser umfassende Blick auf die Geschichte, inklusive ihrer Wunden, mag zu Beginn irritieren, er kann uns jedoch auch unerwartet bereichern. So bin ich die letzten Jahre bereichert worden durch den Kontakt und den Austausch mit Menschen, von denen ich zuvor gar nicht wusste, dass es sie gibt, deren Familiengeschichten jedoch Dank des Hauses mit meiner eigenen Geschichte zu tun haben, so. z.B. eine Urenkelin von Rosa Beer, die heute in Paris lebt, und bei unserem ersten Kennenlernen haben wir zu unserer beider Überraschung festgestellt: sie hat als Jugendliche mehrere Jahre hier in der unmittelbaren Nähe von Altheim in Katzenberg gewohnt und am Gymnasium Ried ihre Matura gemacht.

Wenn wir also diesen Weg, auf die Wunden der Geschichte hinsehen, mutig weitergehen, dann können wir darauf vertrauen, dass sich Brücken finden. Geschichte wird so tatsächlich zu einer „Lehrmeisterin des Lebens“, von welcher Bruno Kreisky – im Epilog angeführt (vgl. Buch, S. 310)- öfters gesprochen hat und Jahre zuvor Papst Johannes XXIII. bei der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Geschichte ist für mich mehr als eine Ansammlung von Anekdoten und Legenden, sie ist mehr als ein Museum, abgeschlossen von unserer heutigen Welt. Als „Lehrmeisterin des Lebens“ stellt sie einen Fundus dar, der uns auch Orientierung für unser aktuelles Handeln bietet.“



 

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