Lesung am 20.4.2016 in der Südstadt (Maria Enzersdorf)

Rund 20 Personen waren in den Veranstaltungssaal der katholischen Pfarre Südstadt (Maria Enzersdorf) gekommen. Im Zuge der Veranstaltungsreihe „Offene Gemeinde“ präsentierte ich zunächst mein Buch, las daraus mehrere Textstellen. Es folgte eine lange und intensive Diskussion zwischen Publikum und Autor. Zentrales Thema:  Wie und warum soll aus dem Nicht-darüber-Reden zu heiklen, unangenehmen Seiten in der eigenen Geschichte ein Reden werden?
Eine Stimme aus dem Publikum: „Ich bin schwer beeindruckt, wie vielfältig Geschichte und Geschichten in diesem Buch beschrieben und erzählt werden.“

Als Fazit bei meinen letzten Lesungen habe ich immer aus der Rezension des Historikers Robert Streibel in der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ zitiert. „Alles fügt sich zu einer großen österreichischen, (südtirolerischen) und (auch) europäischen Geschichte.“ Diese ist jedoch, das füge ich an der Stelle immer hinzu, mit Schmerz, Scham- und Schuldgefühlen verbunden.

Das Nicht Reden wollen, das Nicht Reden können, über diesen Schmerz, über diese Scham- und Schuldgefühle, das Sich nicht Eingestehen wollen, das Sicht Nicht Eingestehen können von solchen Gefühlen (die aber zugleich unbewusst eine mächtige Wirkung entfalten),  genau darin besteht für mich der Hauptgrund, so die Kernthese meines Buches, warum die bisherige Version der Erzählung in meiner Familie – wie in vielen sütirolerischen, österreichischen und deutschen Familien – und die historische Realität auseinanderklafft.

So entsteht im Prozess der Verbindung zwischen Familiengeschichte und Arisierung, auch wenn diese – wie im Fall meiner Großeltern – nicht initiiert und nicht aktiv betrieben worden ist, Scham. Wenn ich in diesem Zusammenhang von Scham spreche, dann meine ich nicht ein „Sich schämen müssen“ im landläufigen Sinne, das von außen an Menschen herangetragen wird. Vielmehr schreibe ich über Schamgefühle, die vom Inneren der betroffenen Menschen herauskommen, als eine Reaktion auf aktuelle Lebensumstände, in denen moralische Kategorien, nach denen sich die Betroffenen in ihrem Leben normalerweise richten, nun jedoch verletzt sind, weil sie eben, wie meine Großeltern als Pächter eines arisierten Hauses, mit den Verbrechen des Dritten Reiches, mit dessen Lügen, mit dessen Schuld verbunden sind.

Die intensive Beschäftigung mit dem Thema Scham zeigt mir, dass der konstruktive Umgang damit nicht einfach und emotional zugleich sehr herausfordernd ist. Denn die Scham hat zwei Gesichter. Eines ist für uns das angenehmere mit positiver, weil auch entlastender Wirkung. Das Vorhandensein von Scham bedeutet, dass wir uns – offen oder insgeheim – der Verletzung von zentralen menschlichen Werten und dem damit verbundenen Unrecht bewusst sind. Doch die Scham hat auch eine zweite Seite. Sie signalisiert einen inneren Konflikt. Nämlich, dass meine Großeltern mit dem Gang in ein zuvor arisiertes Haus in Umständen gelebt haben, die zu ihren Werten (Du sollst nicht stehlen, Du sollst nicht töten, Du sollst nicht lügen, Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus) diametral im Gegensatz standen.

Der innere Konflikt, in dem meine Großeltern mit dem Einzug in das arisierte Haus von Ludwig Beer zwischen Sommer 1940 bis zur Rückerstattung an Rosa Beer im November 1950 lebten, bleibt unauflösbar, weder durch Schweigen noch durch eine wütende Gegenreaktion. Er muss als solcher auch in der historischen Betrachtung ausgehalten werden. Der Konflikt kann lediglich auf eine andere Ebene gehoben werden, auf der dann eine positive Umwandlung möglich wird (z. B. Aussprechen und Anerkennen des NS-Unrechts, Trauer zulassen und auch zeigen in Bezug auf die Tragödie der Familie Beer, Trost finden und geben, sich zuständig fühlen und Verantwortung übernehmen für die eigene Geschichte in ihrer Gesamtheit).“ (Buch, S. 224)

Die Scham an sich ist etwas Gutes“, schreibt der Schriftsteller Peter Handke, und er fährt fort: „Wenn die Scham jedoch einen hindert zu erzählen, dann ist es nichts Gutes.“ Schamgefühle können große Ängste im Inneren von uns hervorrufen: Was löse ich damit aus, wenn ich auf einmal anfange, darüber zu sprechen? Wird es Konflikte geben? Wie werde ich damit umgehen? Wird dann alles zusammenbrechen? Unser guter Ruf? „Das Ansprechen der Scham ist ein sehr sensibler Prozess. Dieser erfordert daher eine behutsame Vorgehensweise. Es kann nur gelingen, wenn das Ansprechen in kleinen Schritten vor sich geht, wenn alle Beteiligten große Einfühlsamkeit an den Tag legen, und wenn das Ansprechen der Scham von einer annehmenden und wohlwollenden Haltung getragen ist. Untersuchungen zeigen, dass gerade schamgeprägte Menschen das „erkannt werden“ brauchen und suchen (insbesondere im Sinne von verstanden werden). In den Situationen des Ansprechens der Scham kann deshalb ihre Gefühlslage schnell umschlagen, weil sie sich oft sehr leicht „ertappt“ fühlen. Dieser Situation sah ich mich in meinen Interviews auch häufiger gegenüber.“ (Buch, S. 180)

Ein Zuhörer sprach in seinem Diskussionsbeitrag sehr offen darüber, dass er immer noch große Schwierigkeiten hat, darüber zu sprechen, was er als Kind und Jugendlicher in der NS-Zeit erlebt hat. Erst in jüngster Zeit ist es ihm möglich, ansatzweise davon zu erzählen, aber es bleibt für ihn ein ganz schwieriges Thema. Aus meiner Erfahrung verwies ich darauf, dass ich es für sehr wichtig halte, dass bei der Aufarbeitung von Familiengeschichte immer mehrere Generationen involviert sein sollten, das wirkt für alle Beteiligten entspannend. Das Nicken als köpersprachliche Reaktion dieses Zuhörers zeigte mir, dass er mit diesem HInweis etwas anfangen konnte.

Und wenn es einfach aus verschiedenen Gründen auch heute noch nicht geht, über heikle, unangenehme Seiten der Geschichte zu sprechen, dann empfehle ich das, was der Lokalhistoriker in dem Südtiroler Gebirgsdorf, in dem mein Großvater geboren und aufgewachsen ist, seinen Leuten immer rät: „Wenn ihr es nicht fertig bringt, über die Zeit der Option zu sprechen, dann schreibt es zumindest auf, was ihr erlebt habt. Damit Eure Nachkommen es dann spater einmal zumindest lesen können.“ Für das Hinsehen auf die ganze Geschichte, inklusive ihrer Wunden, braucht es sowohl stabile demokratisch-gesellschaftliche Verhältnisse als auch stabile emotional-persönliche Lebensumstände.

Dennoch, das Nicht Sprechen können bzw. wollen heute über Schamgefühlen von damals führt zu keinem Unterbrechen eines negativen Kreislaufs. Genau deshalb sollte ein bekanntes Sprichwort umgedreht warden: „Schweigen ist Silber, Reden ist Gold.“ Schamgefühle sind natürlich nicht vererbbar, ihre negativen, „toxischen“, also „giftigen“ Nebenwirkungen können jedoch, das wissen wir heute aus der Tiefenpsychologie und der Traumaforschung sehr genau, auf die nächsten Generationen übertragen werden. Nicht eingestandene, nicht ausgesprochene Schamgefühle von damals suchen sich heute „Masken der Scham“ – das sind genau die eben erwähnten „toxischen“, „giftigen“ Nebenwirkungen von Schamgefühlen – , die da sind: „Perfektionismus, extreme Funktionstüchtigkeit und Leistungsorientierung, Arroganz und Überheblichkeit, Manipulation und Machtverhalten, scheinbare Scham- und Gefühlslosigkeit sowie – als eine der hervorstechendsten Arten der Maskierung – die Umkehrung des Gefühls der Wertlosigkeit in eines der vermeintlichen Grandiosität.

Solange wir uns jedoch hinter den „Masken der Scham“ aufhalten, sind auch wir in den nächsten Generationen nicht dagegen gefeit, die scham-geprägten Negativ-Erfahrungen unserer Vorfahren zu wiederholen oder als Projektion auf andere zu übertragen.“ (Buch, S. 180/181)

Das Sich Aufhalten hinter den „Masken der Scham“, das ständige Vor Sich Hertragen dieser „Masken der Scham“ verunmöglicht Kontakt und Begegnung. Und es ist auf die Dauer sehr anstrengend, das Ablegen der „Masken der Scham“ dagegen befreiend.

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