Lesung am 5.5.2016 in Sand in Taufers

Rund 30 Personen waren gekommen, davon rund die Hälfte aus dem Ort Rein (gehört zur Gemeinde Sand), unter ihnen einige Verwandte. Veranstaltet wurde die Lesung von der Öffentlichen Bibliothek in Sand in Taufers, deren Leiterin Isolde Oberarzbacher zusammen mit ihrem Team den Abend mit viel Mühe und Engagement bestens vorbereitet hatte.  In Rein ist mein Großvater Johann Eppacher geboren und aufgewachsen. Daruf nahm auch Beate Auer, Historikerin, Lehrerin, Gemeinderätin, u.a. Mitglied des Bildungsausschusses, in Sand Bezug: „Die Veranstalter haben auf das Podium, an dem der Autor lesen wird, bewusst einen Blumenstock der „Vergiss mein nicht“ gegeben. Wir wollen die Geschichte der beiden in dem Buch beschriebenen Familien nicht vergessen. Wir wollen Johann Eppacher nicht vergessen, der aus unserem Ort kommt und der heute Geburtstag hätte.“DSCF2222
Zwei Stimmen aus dem Publikum: „Ich bin beeindruckt, wie das Buch von Klaus Pumberger die Nachwirkungen von Geschichte bis in unsere Gegenwart aufzeigt. Mit dem Themen „Widersprüchlichkeiten in der Südtiroler Zeitgeschichte“ und „Scham“ werde ich mich jetzt noch einmal intensiver beschäftigen.“ Und: „Mich spricht das Buch nicht nur wegen des Inhalts an, sondern auch wegen der Sprache. Sie lässt die Leserinnen und Leser den handelnden Personen gegenüber mitfühlen.“

Einführende Worte sprach auch Serafin Bacher, Lokalhistoriker aus Rein. Zunächst beschrieb er die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen mir und Familie Eppacher. In mühevoller Kleinarbeit hat er diese umfassend erarbeitet und in großen „Fahnen“, die über die gesamte Bibliothek gespannt wurden,  für alle leicht nachvollziehbar veranschaulicht. Schließlich fügte Serafin Bacher hinzu, ich bin sein Neffe im sechsten Grad.

Dann beschrieb Serafin Bacher, woher den der Name Eppacher eigentlich komme. Der Ursprungshof der Eppachers in Rein liege zwischen zwei kleinen Bächen, die von den Bergfelsen runterkommen, und dieser Hof ist eben jener, bevor bzw. ehe du über den Bach gehst, also, so meine spontane Assoziation, sollten die Eppachers seit jeher auch Brückenbauer sein….

Schließlich schloß Serafin Bacher seine Ausführungen mit wenigen inhaltlichen Bemerkungen zu meinem Buch. Wenn er das Kapitel zum Spanischen Bürgerkrieg lese, dann werde er wütend, weil er darin viele Parallelen zum heutigen Bürgerkrieg in Syrien sehe: militärisches Engagement ausländischer Mächte, riesige Flüchtlingswellen als Folge davon.

Zwei Themen wurden in der langen Diskussion mehrmals angesprochen:
– die Widersprüchlichkeiten der Südtiroler Zeitgeschichte, insbesondere rund um die Option (vgl. dazu meinen Bericht zur Lesung in Altheim).
– die Situation der Soldaten aus Rein und Sand in Taufers im 1. Weltkrieg sowie die Folgewirkungen ihrer Kampfeinsätze für ihr weiteres Leben (z.B. Umgang mit Aggression). So sind für meinen Großvater Johann Eppacher im Zeitraum zwischen Juni 1915 und Oktober 1916 in der Kriegschronik der Pfarre Rein 46 Kampfeinsätze festgehalten. „Viele haben das nicht überstanden. Wenn die Leute wüssten, was wir mitgemacht haben“, so seine spätere Aussage zu den eigenen Kriegserlebnissen (vgl. Buch S. 80/81). Zu Beginn der Lesung habe ich einige Textpassagen vorgetragen, die den Kriegseinsatz von Alois Eppacher, Bruder meines Großvaters, an der Ostfront in Galizien schildern, ebenso seine 7-jährige Kriegsgefangenschaft im Lager Acinsk in Mittelsibirien und seine unverhoffte Rückkehr im Spätherbst / Winter 1921, der eine „Weltreise“ per Bahn (mit der Transsibirischen Eisenbahn bis nach Wladiwostok) und Schiff (über das Chinesische Meer, über den Indischen Ozean, über das Rote Meer, durch den Suez-Kanal weiter und dann über das Mittelmeer nach Triest oder nach Livorno) vorausging.  Diese Schilderungen waren Inspiration, sodass mehrere Zuhörer und Zuhörerinnen von weiteren, ähnlichen Kriegserfahrungen von früheren Verwandten oder Bekannten aus Sand erzählten.
Es ist mein großer Traum, diese Reise selbst einmal antreten und auch bis zu ihrem Ende realisieren zu können. Vielleicht spätestens 2021, zum 100. Jahrestag der Heimkehr-Reise von Alois Eppacher, sowie zu meinem 60. Geburtstag?
Ausgehend von diesen historischen Erfahrungen wies ich darauf hin, wie sich bei uns in Mitteleuropa im Laufe von hundert Jahren die Bedingungen für Mobilität drastisch geändert haben. Damals war es nur auf zwei Wegen möglich, eine derartige lange Reise zu verwirklichen: entweder als Folge von Gewalt (Kriegsgefangenschaft, siehe Alois Eppacher)  oder als Folge von Reichtum: Friederike Beer, Cousine von Ludwig Beer, wurde von ihrem Lebenspartner Hans Böhler, Sohn einer reichen Industriellenfamilie, auf Weltreise mitgnommen, auf der sie sich zudem auf das Beziehungsnetzwerk der weltweit verstreuten Böhler-Handelsvertretungen stützen konnten.

Inzwischen hat auch die Gemeindezeitung von Sand – das „Tauferer Bötl“ – in ihrer Ausgabe von Juni 2016 über die Veranstaltung ausführlich berichtet. Hier der link zum Artikel:

Bericht_Lesung_Sand_Tauferer_Bötl

 

 

 

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