Lesung in Taisten-Welsberg am 6.5.2016

 

Sehr positive Aufnahme und großes Interesse für mein Buch auch in Taisten, Gemeinde Welsberg (Pustertal): zentraler Schauplatz der Handlung und Erzählung im Südtiroler Teil des Buches! Hier haben meine Großeltern Johann und Maria Eppacher, geborene Hellweger, verwitwete Haspinger, und ihre Familie bis zu ihrer Auswanderung / Umsiedlung im Sommer 1940 gelebt. Hier ist meine Oma geboren und aufgewachsen, ebenso ihre Söhne und Töchter, also meine Mutter, meine Tanten und Onkeln._DSC0293
Rund 80 Personen, darunter viele Verwandte, Vertreter der Gemeinde sowie der Pfarre, sowie zahlreiche Interessierte aus Taisten, Welsberg, aber auch aus den umliegenden Orten waren in das Taistner Vereinshaus gekommen. Veranstaltet wurde die Lesung von der Öffentlichen Bibliothek Welsberg-Taisten, deren Leiterin Roswitha Strobl zusammen mit ihrem exzellenten Team in den letzten Wochen und Monaten immer wieder für die Veranstaltung geworben und eine sehr angenehme Atmosphäre rund um die Lesung über den ganzen Abend hinweg geschaffen hat.

Stimmen aus dem Publikum: „Ich fahre tief betroffen nach Hause. Diese Geschichte geht mir sehr zu Herzen. Vor allem beeindruckt mich, wie intensiv Klaus Pumberger, Nachkomme der Familie Eppacher, sich der Geschichte der Familie Beer angenommen hat.“ Und: „Es waren alle begeistert. Davon zeugt der lang anhaltende Applaus, der nicht mehr aufhören wollte.“

Sigrid Kofler, Vorsitzende des Bibliotheksrates, hob in ihrer Begrüßung hervor, wie anschaulich und konkret die Leserinnen und Leser den tiefsten Einschnitt in der Südtiroler Zeitgeschichte – die Option und ihre Folgen – am Schicksal der beiden im Buch beschriebenen Familien auch heute nachvollziehen können. Die Option ist jedoch verbunden mit Schmerz, Scham- und Schuldgefühlen. „Wer für Deutschland optiert hat, ist nicht unschuldig geblieben, lehrt uns diese Geschichte“, schreibt der Journalist Georg Mair in seiner Reportage zu meinem Buch in der größten Südtiroler Wochenzeitschrift „ff“. Sigrid Kofler ergänzte in ihrer kurzen Rede: „War es unschuldig schuldig?“ Die österreichische Schriftstellerin Anna Migutsch versucht in ihrem neuesten Roman „Die Annäherung“ die jahrzehntelang nie geglückte Auseinandersetzung zwischen Kriegsgeneration und den Nachgeborenen zumindest auf der Ebene der Erzählung – in diesem Fall zwischen Vater und Tochter – nachzuholen. Zum Thema „Schuld“ schreibt sie: „Es müsste viel mehr Wörterzwischen schuldig und schuldlos, zwischen Schuld und Unschuld geben.“

Bürgermeister Albin Schwingshackl beschrieb in seiner Begrüßung meine verwandtschaftliche Beziehung zu Taisten, auch am eigenen Beispiel: unsere Omas mütterlicherseits waren Schwestern, unsere Mütter sind also Cousinen. Umso mehr freue er sich, dass ich nun auch in Taisten mein Buch vorstelle. Ich selbst hob in meiner Begrüßung hervor, dass es „für mich eine große Freude ist, dass heute Nachkommen der beiden Ehemänner von Maria Hellweger, meiner Oma, gemeinsam zu Ihnen gekommen sind: Markus Haspinger, der mich in diesen Tagen meiner Lesereise durch das Pustertal und Tauferer Ahnrtal begleitet, ein Großcousin von mir, zugleich ein Nachkomme von Konrad Haspinger, seinem Urgroßvater, dem ersten Ehemann, und ich als ein Nachkomme von Johann Eppacher, meinem Opa, dem zweiten Ehemann.“ Besonders habe ich mich auch gefreut über die Teilnahme von Hans Oberhammer, Pfarrer von Taisten, der seit Jahren mein Buch-Projekt wohlwollend unterstützt und begleitet hat. In diesem Sinne hat er sich auch im Zuge der Diskussion, die auf die Lesung folgte (vgl. weiter unten), engagiert eingebracht.

Während meines Vortrages, während meiner Lesung von Textpassagen aus dem Buch war für mich eine hohe Aufmerksamkeit bis zum Schluß zu spüren, immer wieder auch auch Betroffenheit und Berührt-sein im Publikum. Auch ich war an diesem Abend mehr berührt als sonst, waren doch dank des Ortes und der anwesenden Verwandten meine Großeltern und ihre Verbindung zu Rosa Beer und deren Sohn Ludwig – Besitzer des arisierten Hauses auf der Kager 5, hingerichtet am 20. September 1944 im KZ Dachau – mehr präsent als bei anderen Lesungen. Und so spürte ich auch bei mir selbst beim Vorlesen aus dem Buch bei einzelnen Textstellen Momente der Rührung: etwa als ich über den Abschied von meinem Onkel Josef Haspinger aus der Familie rund um Weihnachten 1941 las – er wurde in den ersten brutalen Kämpfen Ende September 1942 im Stadtzentrum von Stalingrad schwer verwundet und verstarb einige Tage später – oder über die Einsamkeit meiner Oma nach der Umsiedlung in ihrer neuen Umgebung. Treffend sagte eine ihrer Töchter am Tag ihres Begräbnisses im Juli 1992: „Wir haben heute eine Fremde in der Fremde eingegraben.“ (Buch, S. 310)

Nach dem Ende der Lesung wollte ich schon zum informellen Teil des Abends überleiten, doch dann entwickelte sich aus dem Publikum selbst heraus, eine öffentliche Diskussion, die mehr als eine halbe Stunde dauerte. Hier einige Schlaglichter daraus:
_ wie war meine Arbeitsmethodik? bin ich da nicht auch kriminalistisch vorgegangen? Ja, ich habe mit diesem Buch auch gelernt, wie ein Kriminalist zu arbeiten. Zu einem gewissen Grad muss der Historiker zugleich Kriminalist zu sein, nämlich durch das Verknüpfen verschiedener Quellen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Erst auf diese Weise konnte ich die Nachkommen der Familie Beer finden (vgl. dazu Buch S. 35 – 42).
_ wie verliefen die Begegnungen mit den Nachkommen der Familie Beer? (vgl. dazu meinen Bericht zur Lesung in Bratislava)
_ welche Personen sind auf den letzten Fotos der Familie Eppacher vor der Auswanderung von Familie Eppacher Ende Juni 1940 zu sehen?
_ wann wurde das Erbe für die Kinder der ersten Ehe von meiner Oma ausgezahlt? Es konnte nicht vor Februat 1945 ausgezahlt werden (obwohl sich meine Oma nach der Auswanderung mehrmals und auch geradezu flehentlich bei der Umsiedler-Zentralstelle in Innsbruck darum bemüht hat), da erst zu diesem Zeitpunkt das jüngste Kind aus der ersten Ehe volljährig geworden ist (das Erbe lag auf einem Sparbuch, das auf den Namen von allen vier Kindern gemeinsam geschrieben war). Durch Krieg, Inflation, vor allem durch die Währungsreform in Österreich 1947 wurde das Erbe stark reduziert, eine persönliche Tragik, sodass die älteste Tochter nur mehr feststellen konnte: „Wir haben als Erbe zunächst 20 Kühe (=20.000 Lire) bekommen, am Ende jedoch nur eine Geiß.“
_ wie geht das zusammen? Der tiefe katholische Glaube meiner Großeltern, ihre tiefe tiefe relgiöse Verwurzelung einerseits und andererseits das Wissen von Anfang an, nach der Umsiedlung in einem Haus als Pächter zu leben, das zuvor durch ein NS-Unrecht der Besitzerfamilie gestohlen worden ist? Diese Frage habe ich auch meinem Großvater gestellt, in einem posthum geschriebenen Brief, abgedruckt im Buch: „Lieber Großvater, mein geliebter Opa, Du wurdest für mich zu einem Anker in unserer Familie. Du hast mich von Anfang an unterstützt, als ich in andere Welten aufbrach. Warum bist du in dieses Haus auf der Kager 5 hineingegangen? Warum bist du diese Verbindung mit dem nationalsozialistischen Staat eingegangen? Du hast mir nie darüber erzählt, und ich habe dich auch nie danach gefragt. Hast du Oma davon erzählt? Hast Du mit ihr darüber gesprochen? Wie hat sie die Sache gesehen? Mama hat mir einmal erzählt, Oma habe immer ein ungutes Gefühl gehabt, etwas sei damit nicht in Ordnung. Lieber Opa, wenn wir mit diesem Brief in unserer Beziehung eine Zeit des Schmerzes durchgegangen sind, so kann jetzt wieder eine Zeit des Lachens folgen. Ja, dein Lachen hat mich immer sehr erheitert. Ich möchte das Bild, das ich davon in mir trage, auch in Zukunft nicht missen.“ (vgl. Buch S. 220- 223)
_ es geht eben auf der Werteebene nicht zusammen, der katholische Glaube meiner Großeltern und zugleich als Pächter in einem arisierten Haus zu begünstigten Mietkonditionen zu leben, daraus resultiert ein innerer Konflikt. Welche Folgen dieser für den Umgang mit dieser Geschichte hatte, wie damit heute umgehen, dazu schreibe ich an mehreren Stellen des Buches und diese zentrale Frage taucht auch immer wieder auf bei den Lesungen (vgl. dazu etwa meinen Bericht zur Lesung in der Südstadt). Ich finde es gut, dass diese Frage auch am Ort, der einer der beiden Ausgangspunkte meiner Südtiroler Familiengeschichte ist, gestellt wurde. Sie verweist auf den Preis, auf den hohen Preis, der für die Option und den damit verbundenen Folgen zu zahlen war.

Der Abend zog sich noch lange hin, bis tief tief in die Nacht. Es folgten viele interessante informelle Gespräche, zum Teil sehr persönlich, offen für Fragen, die immer wieder zu Themen der Lesung zurückkehrten, etwa: Was waren die Auswirkungen von Option und Umsiedlung in meiner Familie?

In der Ausgabe vom 25. Mai 2016 berichtete auch die Südtiroler Tageszeitung „Dolomiten“ über meine Lesung in Taisten. Hier der link:

Lesung_Taisten_Bericht_Dolomiten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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