Lesungen in weiteren Schulen in Südtirol (in Bruneck und in Auer) – Anfang Mai 2016

„Die Option war in Südtirol jahrzehntelang ein Tabu. Zugleich haben wir alle dazu jedoch einen persönlichen Bezug. Denn in jeder Familie von uns hat die Option stattgefunden. Deshalb freut es mich, dass wir heute den Autor Klaus Pumberger mit seinem Buch „Worüber wir nicht geredet haben“ begrüßen können“, so ein Schüler in der Wirtschaftsfachoberschule Auer (südlich von Bozen) in kurzen, zugleich sehr treffenden Worten, der die Vorstellung von mir zu Beginn der Lesung übernommen hatte (50 TeilnehmerInnen). Anfang Mai hatte ich die Gelegenheit, in weiteren Schulen in Südtirol Lesungen zu absolvieren, so auch in der technischen Oberschule (65 TeilnehmerInnen) in Bruneck (Hauptort des Pustertales) und in der Mittelschule „Meusburger“, ebenfalls in Bruneck (45 TeilnehmerInnen).
„Geschichte ist für mich nicht die Ansammlung von historischen Daten, sondern die Zusammenführung von verschiedenen Perspektiven. Und genau dies ist Klaus Pumberger mit seinem Buch exzellent gelungen“, so eine der Lehrerinnen, die an der Vorbereitung der Lesungen aktiv beteiligt war. Sie unterrichtet an ihrer Schule Geschichte.

Alle drei Lesungen waren sehr gut vorbereitet, die teilnehmenden Schuler und Schülerinnen hatten bereits vorab von ihren Lehrpersonen erste Vorinformationen zu meinem Buch in die Hand bekommen, so die ausführliche Reportage zu meinem Buch in der Südtiroler Wochenzeitung „ff“. Die Begrüßungen vonseiten der Lehrpersonen machten mir deren Engagement deutlich, alle hattten sich tatsächlich sowohl mit meinem Buch als auch mit meiner Person im Vorfeld intensiver beschäftigt.

Bei allen drei Lesungen verfolgten die Zuhörenden meine Ausführungen sowie meine Textpassagen aus dem Buch mit großer Aufmerksamkeit. In der Technischen Fachoberschule Bruneck erhielt ich sogar lang anhaltenden Applaus. In der ausführlichen Diskussion wurden viele, kluge Fragen gestellt, z.B.:
_ wie verliefen die Begegnungen mit den Nachkommen der Familie Beer? (vgl. dazu meinen Bericht zur Lesung in Bratislava)
_ wie hätte ich optiert? (vgl. dazu meinen Bericht zur Lesung in Innsbruck – öffentlich)
_ worum sollen wir nach unserer (Familien-)Geschichte fragen?
* weil ich davon überzeugt bin, dass in uns Menschen eine tiefe Sehnsucht angelegt ist, zu wissen, woher wir kommen,
* weil Geschichtsvergessenheit (und die aktuelle gesellschaftliche Situation, in der wir leben, liefert uns tagtäglich viele Beispiele für diese These) dazu führt, dass wir nicht davor gefeit sind, Fehler aus der Vergangenheit in der Gegenwart, wenngleich in anderer Form, zu wiederholen,
* weil Geschichte, wenn sie mit negativen Entwicklungen bis hin zu Gewalt verbunden war, „giftige“, „toxische“ Nebenwirkungen produziert, die bis in unserer Gegenwart hineinwirken, wenn wir darüber nicht reden, wenn wir uns damit nicht beschäftigen (vgl. dazu meinen Bericht zur Lesung in der Südstadt)
_ hat mich jemand in meiner Familie bei meiner Arbeit unterstützt? Ja, vor allem mehrere Neffen. Diese Unterstützung war ganz wichtig, hat mir Mut gemacht, hat zudem die Generation meiner Mutter, Tanten und Onkeln entspannt und hat vor allem schon während meiner Arbeiten gezeigt, dass in der nächsten Generation ein Ziel meines Buches positiv aufgenommen wird: die Geschichte des arisierten Hauses, der Besitzerfamilie Beer, des Besitzers Ludwig Beer als Teil unserer Geschichte zu sehen und sie deshalb auch weiterzugeben, in die Öffentlichkeit zu tragen.
_ wie ist heute mein Verhältnis zu den Haspingers? Ein offenes. Wir treffen uns regelmäßig, mit einigen ist eine tiefere, persönliche Beziehung gewachsen. Der Streit, der „große Krach“ von damals ist heute für mich ein Anknüpfungspunkt geworden, damit wir zusammenkommen. Für mich ist mein Eppacher-Dasein ohne die Haspingers nicht zu verstehen, mehrere Haspingers haben mein Leben beeinflusst. Ich spreche von den Haspingers als eine neue Wahl-Verwandtschaft, die ich durch das Buch dazubekommen habe (vgl. dazu Buch S. 101-109).
_ ob ich während meines Buch-Projektes „verschlossene Türen“ vorgefunden habe? Nein, das ist eine der ganz positiven Erfahrungen, die ich den letzten Jahren machen durfte (vgl. dazu Buch S. 281/282). Dies ist auch Ausdruck eines breiten gesellschaftlichen Wandels in Bezug auf den Umgang mit der Geschichte, im speziellen mit dem NS-System und seinen Verbrechen, seinem Terror – wenngleich gerade in Österreich die Haltung zum Nationalsozialismus immer noch polarisierter ist als etwa in Deutschland.
_ hätte die nächste Generation die Geschichte auch dann aufgerollt, wenn ich oder ein anderer aus meiner Generation die Geschichte jetzt nicht aufgearbeitet hätte? Schwer zusagen, möglicherweise nicht mehr, warum? Ich bin davon überzeugt, dass es zwischen Großeltern und Enkel ein Band gibt, das sie verbindet. 100 Jahre können wir gerade noch überblicken, dann wird die Verbindung immer loser und verläuft sich. Urgroßeltern kennen wir in der Regel nicht mehr persönlich. Dieses Band zu meinen Großeltern war für mich immer eine Motivationsquelle, mit den Recherchen und Arbeiten nicht locker zu lassen. Möglicherweise hätte deshalb bei der nächsten Generation die Energie als Folge der schon deutlich geringeren emotionalen Verbindung dafür nicht mehr gereicht.  Und vor allem: die Geschichte in ihrer Gesamtheit mit den vielen kritischen Fragen, mit ihren Widersprüchlichkeiten, Ambivalenzen, jetzt mit ihren mittlerweile aufgelösten Legenden und Mythen an die nächste Generation zu übergeben. dieser Herausforderung wollte ich mich bewusst stellen. Was jeder und jede dann damit macht, ist immer eine persönliche Angelegenheit.

In der Wirtschaftsfachoberschule (WFO) Auer haben zwei Schüler einen kurzen Bericht zu meiner Lesung verfasst. Hier der link:

Historiker Pumberger zu Gast an der WFO Auer

 

 

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