Lesung im Kloster Marienberg (Vinschgau) am 7.5.2016

Rund 30 Personen waren in den Gäste-Saal des Benediktinerklosters Marienberg im Obervintschgau gekommen. Veranstaltet wurde diese Lesung vom Verein „Goswin“, der sich die Organisation von Unterstützung für die Renovierung der Stiftsbibliothek zum Ziel gesetzt hat. Der Vereinsvorsitzende, Johannes Unterpertinger-Fragner,  hat in den Wochen zuvor unermüdlich die „Werbetrommel“ für diese Veranstaltung gerührt. Abt Markus Spanier zeigte sich als als angenehmer und hilfsbereiter Gastgeber. Zwischen Lesung und Diskussion gab es dieses Mal eine „meditative Pause“: mein Bruder Wolfgang Pumberger gab in der Stiftskirche ein Orgelkonzert (hier der link zum Programm)
Eine Stimme aus dem Publikum: „Ich bin deshalb so beeindruckt, weil das Buch von Klaus Pumberger zeigt, dass in Familien wie in der Gesellschaft die Geschichte in ihrer Gesamtheit dann doch an die Oberfläche drängt. Das ist Teil des Humanen, tief in uns Menschen angelegt, dass Gott sei Dank auf Dauer nicht beseitigt werden kann.“ 

Aus dem Gespräch sind bei mir folgende Fragen hängen geblieben:
_ wie reagiert das Publikum in Südtirol bei meinen Lesungen, insbesondere junge Menschen? Immer sehr offen. Mein Eindruck ist, dass jetzt die Zeit gekommen ist, offen und uneinvorgenommen über die Zeit der Option und ihre Folgen, inklusive der Nachwirkungen bis in unsere Gegenwart offen zu sprechen. Bei allen Lesungen verspüre ich ein großes Bedürfnis danach, insbesondere und gerade bei den Lesungen in den Schulen (vgl. dazu meinen Bericht zu Lesungen in Schulen in Bozen sowie zu Lesungen in Schulen in Auer und in Bruneck).
_ warum hat das Schweigen zur Option und ihren Folgen, zu diesem heftigsten Einschnitt in der Südtiroler Zeitgeschichte, so lange angedauert? Ich teile dazu die Ansicht des österreichischen Historikers und Publizisten Peter Huemer, der vor kurzem bei einer Diskussionsveranstaltung in Wien folgende These vertreten hat: Damit die Aufarbeitung einer historischen Epoche, die mit Gewalt und Verbrechen verbunden ist, in der Mitte der Gesellschaft ankommen kann, braucht es in etwa (+/-) vierzig Jahre. Erst wenn die betroffene Generation abtritt, aus ihren Funktionen in der Politik, in den Medien, in Archiven etc., – und damit auch ihre Macht über die Erzählung der Geschichte, die aufgrund ihrer eigenen Verwicklung in ihrem ureigensten Interesse liegt, abgibt bzw. abgeben muss, wird die Aufarbeitung der Geschichte bis in die Mitte der Gesellschaft hinein möglich. Für Deutschland ist hier, so Peter Huemer, die Rede vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weiszäcker am 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag der Befreiung von NS-Herrschaft und des Ende des 2. Weltkrieges der entscheidende Markstein, in Österreich die ein Jahr spater beginnende Auseinandersetzungen um den späteren Bundespräsidenten Kurt Waldheim (vgl. Buch, S. 281/282).
In Südtirol hat diese Phase der vierzig Jahre, ehe also das Schweigen auch in der Mitte der Gesellschaft aufgebrochen warden konnte, etwas länger gedauert. Bedingt durch die Auseinandersetzungen um die Etablierung einer tatsächlichen Autonomie verzögerte sich das Abtreten der politischen Vertreter der Generation, die zur Zeit der Option, des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges die handelnden Personen waren.
Ich füge aus eigener Erfahrung hinzu: In Familien dauert diese vierzigjährige Phase des Schweigens und des Nicht darüber Redens in der Regel länger. Hier können die bestimmenden Personen ihre Macht über die Erzählung der jeweiligen Familiengeschichte weit über das Pensionsalter hinaus aufrechterhalten, in einigen Fallen sogar über ihren Tod hinaus. Aufgrund falsch verstandener Loyalität – so meine Sicht der Dinge – und auch aufgrund von Angst haben Angehörige der nächsten Generation einen Unwillen, diese Macht der Altvorderen im Familiensystem in Frage zu stellen.
Éine letzte Anmerkung dazu: Wenn diese Theorie der vierzig Jahre stimmt, was bedeutet das für die Aufarbeitung der Geschichte etwa in den Ländern des Balkans? Oder in Rußland, wo in Folge des derzeit herrschenden Nationalismus die Aufarbeitung weitgehend auf Null zurückgestellt wurde?
_ haben meine Großeltern wie die meisten Südtiroler, mit ihrer Option für das Deutsche Reich tatsächlich entscheidende Werte ihres damaligen Lebens (Heimat, Zugehörigkeit, Glaube, Existenzsicherung) aufgegeben? Ich spreche in meinem Buch in diesem Zusammenhang eben nicht von „aufgegeben“ oder von „verraten“, sondern von „beschädigt“ (vgl. Buch, S. 171 – 188). Dies schließt mit ein, dass es auf der individuellen Ebene, wie z.B. für meine Großeltern, persönliche und familiäre Gründe gab, die die Option zum Zeitpunkt, als sie zu treffen war, als eine richtige Entscheidung erscheinen liessen. Zugleich erwies sich die Option jedoch  historisch, politisch und moralisch betrachtet als eine falsche „Wahl“, die eine Beschädigung der eben angeführten Werte mit sich brachte und für die ein hocher Preis zu zahlen war (vgl. dazu meinen Bericht zur Lesung in Innsbruck – öffentlich). „Es gibt den Stachel, der bleibt: ohne Option keine Zuweisung von `arisiertem´ Besitz“, so meine Formulierung in einem Interview mit dem Südtiroler Wochenmagazin „ff“.
Beide Aspekte – die persönlichen, individuellen Gründe für die Option einerseits und deren historischer Realität in der Gesamtschau andererseits – sollen also zugleich ausgesprochen werden. Wenn ich einen Teil davon weglasse, ausblende, werde ich der Komplexität der Option nicht gerecht. Wenn ich nicht aussprechen kann oder will, dass sich die Menschen mit ihrer Option für das Deutsche Reich, was immer ihre persönlichen Beweggründe waren,  historisch betrachtet auf die falsche Seite gestellt haben, dann kann der Kreislauf des Nicht darüber redens (vor allem über den NS-Antrieb sowie über die Folgen und den Preis der Option mit ihren Nachwirkungen bis in die Gegenwart) sowie der gleichzeitigen Herausbildung von Legenden und Mythen (die eben auch den Blick auf diese Folgen und den Preis sowie die Nachwirkungen – wenngleich zumeist unbewusst – verschleiern) nicht durchbrochen werden.

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