Lesung am 17.6.2016 in Dahrenstedt bei Stendal

Mir gefällt, mit wie viel Engagement, Betroffenheit und Empathie für die handelnden Personen Klaus Pumberger sein Buch geschrieben hat. Das ist für mich heute Abend während der Lesung sehr deutlich geworden“, so eine Stimme aus dem Publikum. Rund 10 Personen waren in den „Kunsthof Dahrenstedt“ bei Stendal (Sachsen-Anhalt) gekommen.

Im Anschluss entwickelte sich ein sehr intensives Gespräch, eine sehr lebendige Diskussion zwischen Autor und dem Publikum.

Dahrenstedt kommt als Ort der Handlung in meinem Buch nicht vor. Dennoch hat der „Kunsthof Dahrenstedt“ für das Zustandekommen meines Buches eine große Bedeutung. Hejo Heussen, der den „Kunsthof Dahrenstedt“ zusammen mit seiner Frau Monika von Puttkamer leitet, hat in der Schreibphase sachkundige und gewissenhafte redaktionelle Arbeit zu meinen Texten geleistet. Dabei konnte ich für mein Buch die passende Form finden.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand einmal mehr die Einschätzung der Option in Südtirol im Herbst 1939, sowohl in Bezug auf die Entscheidung der damaligen Südtiroler Gesellschaft insgesamt als auch in Bezug auf die „Wahl“ meiner Großeltern (vgl. dazu den Bericht zur Lesung in Innsbruck – öffentlich). Es geht mir in einem Buch jedoch nicht darum, zu urteilen, ob diese Entscheidung meiner Großeltern in der Option falsch oder richtig war. Denn die Antwort darauf liest sich aus meiner Sicht unterschiedlich, je nach dem, aus welcher Perspektive wir diese Frage betrachten: aus der individuell-famliären (richtig bzw. nachvollziehbar) oder aus der moralisch-historisch-politischen (falsch). Zudem kann die Fragestellung, ob die Option meiner Großeltern richtig oder falsch war, schnell zu einer Verengung in der Diskussion führen: die einen erachten die Aspekte, die für falsch sprechen, nicht als kritische Fragen, sondern als  Anklage. Und die anderen verstehen die Aspekte, die die nachvollziehare, individuell-familiäre Sicht beleuchten, als verteidigend bzw. schön-redend.

Vielmehr stehen im Mittelpunkt meines Buches die Folgen, welche die Option für meine Großeltern und meine Familie nach sich zog:
_ die Einbindung in das NS-Herrschaftssystem bis hin zur Zuweisung von arisiertem Besitz als Pächter;
_ die unmittelbare Zur-Verfügung-Stellung der beiden ältesten Söhne gleich zu Beginn der Umsiedlung als Soldaten für die Deutsche Wehrmacht;
_ das instrumentalisiert werden als Teil der NS-Eroberungspolitik: Schließlich wäre das versprochene geschlossene Siedlungsgebiet für alle Südtiroler Umsiedler, das auch auf meine Großeltern große Attraktivität ausübte, nur als Ergebnis der NS-Eroberungspolitik denkbar und realisierbar gewesen;
_ Verlusterfahrungen (Heimat, Zugehörigkeit, Freunde, Verwandte) und anfangs Fremdheitsgefühle (ausgegrenzt-sein in der neuen Umgebung).

Diese Folgen haben wiederum Folgen für die spätere Version der Familienerzählung (Schweigen, Legenden, Mythen, Selbst-Viktimisierung in Bezug auf NS) und das weitere Leben der Familie („Masken der Scham“, vgl. dazu den Bericht zur Lesung in der Südtstadt,) sowie für unterschiedliche Sichtweisen auf die Geschichte und Zugänge bei der Aufarbeitung zwischen und innerhalb von Generationen. Darüber will ich mich mit dem Buch auseinandersetzen, darüber sollten, können und müssen wir heute reden. Denn: Diesen Kreislauf von Folgen zu durchbrechen bzw. aufzulösen, ist eine zentrale Absicht meines Buches. Damit dies gelingen kann, braucht es als eine der Grundvoraussetzungen einen kritischen Blick auf die Geschichte – in diesem Fall der Option – in ihrer Gesamtheit.

Eine weitere Frage, die breiten Raum im anschließenden Gespräch zwischen Autor und Publikum einnahm, war die nach einem gewissen zeitlichen Abstand, der möglicherweise notwendig sei, um sich mit der eigenen Geschichte kritisch auseinanderzusetzen. Darauf nehme ich auch in meinem Buch immer wieder Bezug: „Aber wann ist im Umgang mit der eigenen Geschichte die Zeit gekommen, dem Mythos seine Mächtigkeit zu nehmen?Aus neueren Forschungsergebnissen der Sozial- und Geschichtswissenschaften wissen wir heute: Mythen können überhaupt erst in Frage gestellt werden, wenn es entsprechende stabile gesellschaftliche wie auch persönliche und emotionale Verhältnisse gibt. Konnte es diese in unserer Familie geben?
Sicher nicht 1945.
Auch nicht 1955, als die Besatzung Österreichs beendet wurde.
Oder 1968, als die Studentenbewegung nach der Nazi-Vergangenheit ihrer Eltern fragte?
1975 die Affäre Friedrich Peter bzw. Bruno Kreisky versus Simon Wiesenthal?
1979 erste öffentliche Diskussionen zur Option in Südtirol und erste Ausstrahlung des Films „Holocaust“ in Deutschland und in Österreich?
1986 die Affäre um den österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim?
1989 der Zusammenbruch der kommunistischen Systeme?
1992 der Krieg in Jugoslawien vor der eigenen Haustüre?
1995 erste öffentliche Präsentation der Wehrmachtsausstellung in Hamburg und nachfolgend in 33 weiteren Städten in Deutschland und in Österreich?“ (Buch, S. 104)

Neben dem zeitlich-emotionalen Abstand halte ich allerdings eine zweite Frage für genauso zentral: Wer kann wie lange in einer Familie bzw. in der Gesellschaft die Macht ausüben, die geltende Version der bisherigen Version der (Familien-) zu bestimmen und aufrechtzuerhalten bzw. kritische Fragen gar nicht aufkommen zu lassen (vgl. dazu den Bericht zur Lesung im Kloster Marienberg).

Die Diskussion hatte noch einen weiteren interessanten Punkt im Laufe des Abends aufzuweisen, und zwar Bezüge zum Verhalten der Menschen in der DDR gegenüber dem kommunistischen Regime. Ausgangspunkt für diese Überlegungen war folgender Auszug  aus meinem posthum  – während der Recherchen für mein  Buch – geschriebenen Brief an meinen Großvater Johann Eppacher: „Wenn ich auch deine Lage im Sommer 1940 (am Ende der Umsiedlung beim Einzug in das arisierte Haus von Ludwig Beer) nachvollziehen kann, von meinen kritischen Nachfragen zu eurer Entscheidung in der Option und deren Folgen kann ich daher nicht lassen. Diese richten sich nicht nur an dich, sondern sind allgemein angelegt. So auch an mich selbst und an künftige Generationen: Welchen Preis in Bezug auf unsere eigene ethische Integrität sind wir unter welchen Bedingungen bereit zu zahlen, wenn es um den legitimen Wunsch geht, unser Leben zu verbessern und große Träume zu verwirklichen? Wann beginnt es mit der Beschädigung unserer moralischen Unversehrtheit? Wie weit würden wir gehen? Was sind wir bereit, gerade noch in Kauf zu nehmen? Wo liegen unsere roten Linien? Verschieben sich diese in einer existenziellen Notlage?“ (Buch, S. 223)

 

 

 

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