Lesung in Innichen am 27.6.2016

Wieder ein starkes  Echo auf mein Buch an einem Ort der Handlung! Rund 60 Personen waren in das Hotel „Grauer Bär / Orso Grigio“ in Innichen (Hauptort des Oberen Pustertales) gekommen. Ein rappelvoller Veranstaltungsraum! Auf meine Lesung folgte zunächst ein tiefsinniges Gespräch, versiert geführt von der Journalistin Barbara Ladinser (ORF), über zentrale Themen des Buches und auch darüber, was das Buch alles ausgelöst hat, in der (Südtiroler) Öffentlichkeit bis hin zur eigenen Familie.Foto_1Abgerundet wurde der Abend mit einer intensiven, sehr spannenden, weil über weite Strecken sehr persönlichen Diskussion mit dem bunt gemischten – von jung bis alt – Publikum. Zentraler Fokus dabei: die Option.
Stimmen aus dem Publikum: „Ich bin bin total erschöpft vom Tag gerade noch rechtzeitig zur Veranstaltung gekommen. Ich hatte schon Angst, dass ich bald wegschlafen könnte. Aber je länger der Abend dauerte, desto munterer wurde ich. Frisch aufgeweckt und sehr angeregt gehe ich jetzt nach Hause.“ „Dieses Werk und Ihr Vortrag, Ihre Lesung erscheinen mir überaus bedeutsam, regen sie doch an, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen und diese möglichst differenziert zu betrachten. Auch eröffnet sich dadurch die Möglichkeit, sensibel mit den momentanen Wanderungsbewegungen und deren Folgen umzugehen.“

Wie kommt mein Buch zum Hotel „Grauer Bär / Orso Grigio“ in Innichen? In meinen einleitenden Worten habe ich auf diesen Bezug hingewiesen: „So hat mein Großvater Johann Eppacher in den Jahren 1924/25, bevor er meine Großmutter Maria Hellweger, verwitwete Haspinger, geheiratet hat, hier beim „Tagger“ in Innichen in der großen Landwirtschaft, die damals zum Hotel und Gasthaus „Grauer Bär“ dazugehörte, als Stallknecht gearbeitet. Umso mehr freut es mich, dass Franz Landinser, der heutige Besitzer, meinen Vorschlag, deshalb gerade hier eine Lesung zu veranstalten, von Anfang an mit Begeisterung aufnahm. Ebenso bin ich dankbar, dass sich seine Schwester Barbara Ladinser spontan bereit erklärte, mit mir heute im Anschluss an meine Lesung über das Buch zu sprechen und die Diskussion mit Ihnen, meine sehr geehrte Damen und Herren im Publikum, zu moderieren.“  (vgl. Buch, S. 83/84)

In seiner Begrüßung fasste Alt-Bürgermeister Dr. Josef Passler, zugleich aktiver Lokal-Historiker, den Inhalt meines Buches in wenigen Sätzen gekonnt zusammen. „Ich habe das Buch zweimal gelesen und bin davon fasziniert. Darin wird ausführlich und in treffender Art und Weise über die Option des Jahres 1939, einem der spannendsten und tragischsten Ereignisse in der Geschichte unserer Heimat Südtirol und deren Auswirkung auf eine jüdische Wiener Familie berichtet wird. Option: Unwissen – Verdrängung – nicht nur Opfer – Scham. Spannend und einfühlsam wie in einem Roman wird die Geschichte zweier Familien nachgezeichnet. Lehrreich wie ein Lehrbuch über die Geschichte Europas in  der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.“

Ferner ging Dr. Josef Passler in seinem einleitenden Statement auf den lange Zeit unkritischen Umgang mit der eigenen Zeitgeschichte in Südtirol ein: „Das Buch wirft aber auch offen und ehrlich die Frage auf, ob wir Südtiroler bzw. unsere Eltern und Großeltern, die für Hitler-Deutschland optiert haben, nicht mitschuldig geworden sind an der Arisierung jüdischen Eigentums. (…) haben unsere Eltern bzw. Großeltern durch ihre, ihnen teils aufgezwungene, teils frei gewählte Option für Hitler-Deutschland nicht auch dazu beigetragen, dass so vielen (vorwiegend) jüdischen Familien Hab und Gut genommen, gestohlen und dann nicht nur, aber auch den Optanten, sprich den Südtiroler Auswanderern zugewiesen wurden und somit wieder in „deutsche Hände“ übergingen.“

Im Gespräch mit Barbara Ladinser standen folgende Aspekte im Mittelpunkt:
_ was war meine Motivation, das Buch zu schreiben? was bedeutet in diesem Zusammenhang für mich die Person Ludwig Beer? (vgl. dazu den Bericht zur Lesung in Prag am Österreichischen Kulturforum)
_ wie sind die Reaktionen auf das Buch in meinem eigenen Familiensystem? (vgl. dazu ebenfalls den Bericht zur Lesung in Prag)
_ warum ist es notwenig, sich Legenden und Mythen in der eigenen Familiengeschichte genauer anzusehen und diese dann aufzulösen? (vgl. dazu den Bericht zur Lesung in der Südstadt)
_ die Option: was ist wichtig, zu wissen, um das politische Umfeld zu verstehen, dem sich die Familie meiner Großeltern ausgesetzt sah? Was hat meine Großeltern, meinen Großvater, dazu gebracht für die Auswanderung nach NS-Deutschland zu optieren? (vgl. Buch, Kapitel: „Die Option: bleiben oder gehen?“)

In der anschließenden Diskussion zwischen Autor und Publikum, klug moderiert von Barbara Ladinser, sodass der rote Faden nie verloren ging, war die Option der zentrale Fokus. Die Bandbreite reichte von kritischen Fragen, die aus dem Publikum selbst zum Thema Option kamen, über Feedback zu einzelnen Passagen meines Buches (z.B. Umgang mit Geschichte – „Scham und Schweigen“) bis hin zu eigenen Erlebnissen aus der Zeit der Option, vorgetragen von einigen Teilnehmern, die diese Epoche als Kinder selbst noch erlebt haben. Wie ich selbst die Option meiner Großeltern sehe, dazu vgl. die Berichte zu den Lesungen in Innsbruck (öffentlich), in Innsbruck (Universität), im Kloster Marienberg und im Kunsthof Dahrenstedt bei Stendal.

Zwei Aspekte scheinen mir im Umgang mit der Geschichte der Option zentral:
1. Wir können die Komplexität, die Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen der Option nur erfassen, wenn wir der Option in ihrer Gesamtheit ins Auge sehen, auch ihren problematischen, unangenehmen und dunklen Seiten. Wir können und sollen die Geschichte der Option nicht „fraktalisieren“. Der tschechische Schriftsteller, Diplomat und Politiker Jiri Grusa hat immer wieder auf die gefährliche – und gerade in Mitteleuropa weit verbreitete – Neigung hingewiesen, einen „fraktalisierten“ Umgang mit der Geschichte zu entwickeln. Was genau meint Jiri Grusa damit? Wir nehmen ein Modul, ein „Fraktal“,  aus der geschichtlichen Kette heraus, das für sich genommen stimmt (z.B. bezogen auf die Option: individuell-familiär oder auch gesellschaftlich nachvollziehbare Gründe für die Option, z.B. Italianisierung), und erklären diesen einen Teil zugleich zur ganzen Geschichte. Damit werden aber wichtige, unangenehme, dunkle Seiten der Option und ihre Folgen (z.B. der NS-Antrieb für die Option, die Verführung der Menschen durch die NS-Propaganda und durch NS-Versprechen, die nur auf Kosten anderer realisiert werden konnten) ausgeblendet, mit erheblichen Folgen für die spätere Erzählung zu den Ereignissen der Option in Gesellschaft als auch in den Familien.

2. Aus den Recherchen zur eigenen Familiengeschichte weiß ich: Gerade in Bezug auf die Option gibt es ein starkes Auseinanderklaffen zwischen der bislang erzählten Version der Familiengeschichte und der historischen Realität, wie sich dies nach Einsicht aller zur Verfügung stehenden historischen Akten und Unterlagen darstellt. Immer wieder spreche ich am Rand meiner Lesungen mit Menschen, die mir erzählen, ihre Familie hat sich jahrzehntelang selbst als „Dableiber“ beschrieben, die historische Realität, gestützt auf die Akten im Archiv, zeigt jedoch ein anderes Ergebnis: Option für das Deutsche Reich. Die Option war verbunden mit Schmerz, Scham- und Schuldgefühlen, und um dieses leichter zu ertragen, entstehen um die Option herum Legenden und Mythen (vgl. dazu mein Interview mit dem Südtiroler Wochenmagazin „ff“). Im Fall meiner Familiengeschichte: die Umsiedlung als „Herbergssuche“ (vgl. Buch, S. 216-220), das Ankommen am Ende der Umsiedlung auch materiell gesehen in einem „Nichts“, also in einer „Stunde Null“ (vg. Buch, S. 268-270), der „gute“ Nazi-Bürgermerister, der unserer Familie das Haus auf der Kager 5 gab, ohne näher zu fragen, woher er dieses hatte (vgl. Buch, S. 265-267).

Gerade deshalb ermuntere ich die TeilnehmerInnen meiner Lesungen, bei ihren eigenen Familienerzählungen zur Option nachzufragen, nachzuforschen und sich dieses Thema einmal auch in den Archiven genauer anzusehen. Umso mehr freut es mich, dass noch am Abend der Veranstaltung – und auch in den nächsten Tagen – mehrere Menschen auf mich zugekommen sind und mich fragten, was sie denn genau machen müßten, um zu erfahren, wie ihre Eltern und Großeltern in der Option „gewählt“ haben. Andere wiederum berichteten mir, dass sie schon im Vorfeld der Veranstaltung mein Buch gelesen haben und dadurch motiviert wurden, ihrer eigenen Familiengeschichte näher nachzugehen. Schon allein dafür hat es Sinn gemacht, mein Buch zu schreiben.

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