Lesung in Eppan am 25.8.2016

Rund 15 Personen waren in die Mittelpunktsbibliothek in St. Michael (Gemeinde Eppan) gekommen. Auf die Lesung folgte eine sehr intensive Diskussion, die sich anschließend im informellen Teil des Abends bei einem Glas Wein und einem kleinen Buffet fortsetzte. Christian Kofler, der Leiter der Bibliothek, und sein Team haben der Veranstaltung einen stilvollen Rahmen und eine gute Atmosphäre gegeben.pumberger2
Stimmen aus dem Publikum: „Ich gehe mit vielen eindrucksvollen Bildern im Kopf nach Hause.“ „Nach diesem Abend verstehe ich jetzt, warum meine Eltern nicht über die Option reden konnten, nicht reden wollten.“ „Die vielschichtigen Ebenen des Buches – psychologische Dimensionen, historisch-gesellschaftliche Ereignisse, Familiengeschichten – wurden im Zuge der Lesung den Zuhörern und Zuhörerinnen plastisch und leicht nachvollziehbar vor Augen geführt.“ Von einem Teilnehmer erhielt ich wenige Tage nach der Lesung folgendes Echo: „Inzwischen habe ich Ihr hochinteressantes Buch fertig gelesen und wollte Ihnen einfach nur mitteilen, dass ich begeistert bin. Nicht allein wegen der akribischen Recherche, sondern vor allem wegen der spannend-dramatischen Geschichte, die Sie darin erzählen. Die Empathie gegenüber Familie Beer, Ihre Aufgeschlossenheit gegenüber undankbaren Reaktionen, Ihre Objektivität bei aller Liebe zu Ihrer eigenen Familie haben mich sehr beeindruckt. Als Beweis mag Ihnen dienen, dass ich vor allem die Familien-Geschichten mit einem Interesse gelesen habe, als würde es sich um Bekannte von mir handeln.“

Eppan kommt in meinem Buch nicht als zentraler Ort der Handlung vor. Dennoch gibt es am Rande einen historischen Bezug: wie meine Familie so kam auch Familie Mair (Friedrich Mair, seine Ehefrau Franziska, geborene Marschall, der sechs-jährige Sohn Walter und die zwei-jährige Tochter Gertrude) im Sommer 1940 als Südtiroler Umsiedlerfamilie in Wesenufer an. Sie „kam zunächst Anfang Juli 1940 aus Eppan, Via St. Anna 8, nach Innsbruck, wenige Tage später ging es weiter nach Raab bei Schärding am Inn, wo Friedrich Mair einige Wochen in einem Bauunternehmen arbeitet, Ende Juli gelangt Familie Mair nach Wesenufer. Friedrich Mair arbeitete hier in der Brauerei als Chaffeur.“  (Buch, S. 361) Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gilt Friedrich Mair als vermisst. Wann und zu welcher Einheit er als Soldat eingezogen worden ist, lässt sich bislang nicht eruieren, ebenso ab wann und wo er als vermisst gilt. Seine letzte wahrnehmbare Spur führt Anfang Februar 1944 in ein Südtirolerheim in Stams (Nordtirol, Oberinntal, circa 35 Kilometer westlich von Innsbruck). Dort langt zu diesem Zeitpunkt ein „politisches Gutachten“ der „Amtlichen Deutschen Ein- und Rückwandererstelle“ aus Bozen ein. „Friedrich Mair ist politisch und moralisch einwandfrei. Er steht unter der hiesigen Bevölkerung in gutem Ruf und ist auch in strafrechtlicher und spionagepolizeilicher Hinsicht nichts nachteiliges bekannt geworden.“ Sein Bruder Josef wurde Ende September 1942 bei Kämpfen an der Ostfront, „an der Terekfront, bei Planowskoje, durch Granatsplitter an Arm und Brust schwer verwundet.“ Noch am nächsten Tag verstarb er an den Folgen seiner Verletzungen. „In unserem  Erinnern wird er als heldenhafter Kämpfer immer fortleben.“ (Dr. Anton von Call aus Eppan in einem Schreiben an Friedrich Mair, der zu diesem Zeitpunkt noch in Wesenufer lebte, dessen Mutter und Schwester in Eppan) „Für Deine Mutter und Deine Schwester wäre es ein großer Trost, wenn Du auf Urlaub nach Eppan kommen könntest. Ich drücke Dir in aufrichtigem Mitgefühl die Hand. Heil Hitler!“

Darüber hinaus habe ich zu Eppan einen ganz persönlichen Bezug. Seit rund zwanzig Jahren verbringen meine Familie und ich unseren Sommerurlaub bzw. einen Teil davon in der Gemeinde Eppan, in St. Michael am Kreithof.kreithof_st-michael_eppan Dessen anregendes Ambiente sowie die Gastfreundschaft und das Interesse für historische Fragen vonseiten der Besitzerfamilie waren für mich immer über all die Jahre hinweg, noch bevor ich mit den Recherchen zu meinem Buch anfing, so etwas wie eine „Nabelschnur“, die mein Interesse an Themen der Südtiroler Zeitgeschichte sowie die Verbindung zum Südtiroler Teil meiner Familiengeschichte nie abreißen hat lassen.

Welche Fragestellungen habe ich aus der intensiven Diskussion mit und im Publikum mitgenommen?
– wie halten es wir mit der Heimat? Wie immer Heimat definiert wird, für mich ist entscheidend, dass Heimat verbindet, einschließt, nicht spaltet, nicht ausschließt. Einer solch verstandenen Heimat kann und will ich nicht zugehören. Heimat, die verbindet, sehe ich als etwas Positives. „Heimat als modernes, weltoffenes Modell, das die guten Seiten der kleinen, überschaubaren Welt mit den guten Seiten der großen Welt verbindet.“ (Anton Holzer: Wem gehört die Heimat? In: Die Presse, Spectrum, Zeichen der Zeit, S. IV, 10.9.2016)
_ Wahrnehmung der Reaktion im übrigen Italien auf die Selbstpräsentation als deutschsprachiger Südtiroler bzw. deutschsprachige Südtirolerin – Rechtfertigung oder Bestätigung?
_ was ist für mich die größte Wunde in meiner Südtiroler Familiengeschichte? Der Umstand, dass es nach dem Ende der NS-Herrschaft, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lange Zeit keinen Raum gab – teilweise wurde es bewusst vermieden, diesen zu öffnen, teilweise konnte es ihn auch nicht geben (vgl. Buch, S.  104 sowie 180) -, in dem über den heftigen Knäuel aus Schmerz-, Scham- und Schuldgefühle offen gesprochen hätte warden können:
– in Zusammenhang mit der Option und ihren Folgen: über die damit verbundenen Verlusterfahrungen (der Heimat, der natürlichen Zugehörigkeit, der Verwandten, der Freunde, des Bruders, der in den Kämpfen in Stalingrad stirbt) sowie der Fremdheitserlebnisse, des Ausgegrenztseins, insbesondere in den ersten Wochen und Monaten nach dem Ankommen in der neuen Umgebung;
– in Zusammenhang mit dem Streit um den Maurerhof und seinen Folgen:  sozialer Abstieg, das Zerrissensein der Familie, der de facto jahrzehntelange Nicht-Kontakt mit der Familie des ersten Mannes meiner Oma;
– in Zusammenhang mit dem Gang als Pächter in ein arisiertes Haus am Ende der Umsiedlung. Damit werden meine Großeltern verbunden mit der Tragödie der Besitzerfamilie Beer, die beispielhaft für die ganz große Tragödie steht, jener des NS-Terrors gegen politische Gegner sowie der Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung, bis hin zu ihrer Vernichtung, der Shoah.

Ein gängiges Sprichwort lautet: „Die Zeit heilt alle Wunden.“  Jedoch, in diesem Fall führt das Nicht darüber Sprechen, das Nicht in Frage Stellen der damit verbundenen Legenden, Mythen und Selbst-Viktimisierung lediglich zu einer Schiefheilung (vgl. Buch, S. 104/105). Nach außen hin sind die Wunden auf den ersten Blick hin zwar verheilt. Die Narben der Wunden können so jedoch nicht wirklich abheilen. Die mögliche – indirekte – Übetragung der damit einhergehenden „toxischen“ Nebenwirkungen auf die nächsten Generationen (vgl. dazu meinen Bericht zu der Lesung am 20.4.2016 in der Südtstadt (Maria Enzersdorf) wird nicht unterbunden.

Genau darin liegt auch eine der Hauptmotivationen, warum ich für mich dieses Buch schreiben musste, wie ich es bereits vor einem Jahr gegenüber meinen Verwandten bei der Buchpräsentation im Familienkreise in Wesenufer formulierte. Zum einen „beschreibe ich, wie meine Großeltern in diese Tragödie verwoben sind, wie es dazu gekommen ist, damit wir heute diese Geschichte besser verstehen können.“ Zum anderen „wollte ich mit dem Schreiben des Buches eine Form finden, mit Hilfe derer ich dem Schamgefühl von damals heute eine Sprache geben und damit zugleich einen Raum öffnen kann, der uns das Reden darüber erleichtert.“

Für mich steht das Haus auf der Kager 5 symbolisch zusehends für einen „Ort der amputierten Seele.“ Dies begann mit dem frühen Tod von Louis Beer, dadurch zerrann für Familie Beer immer mehr der Traum einer eigenen Sommerfrische, eines späteren Alterssitzes. Das geplante schöne, großzügige Landhaus neben der Kager 5 konnte nicht mehr realisiert werden. Rund zwanzig Jahre später folgte die politische Repression der Nazis, die das Haus zunächst beschlagnahmte und anschließend arisierte. Rosa Beer wurde der Familienbesitz gestohlen, ihr blieben nur mehr die kleinen Ausschnitte aus den NS-Zeitungen, in denen die zwangsweise Enteignung veröffentlicht wurden. Diese hütete sie wie einen „Schatz“, den sie für die nächste Generation unbedingt aufheben wollte. Der damalige Besitzer, ihr Sohn Ludwig, wurde verfolgt, gefoltert und ermordet. Erst nach einem langwierigen und mühseligen Verfahren – Rosa Beer war zahllosen Schikanen und auch finanziellen Benachteiligungen vonseiten der Republik Österreich ausgesetzt – wurde Ende 1950 das Haus an die Besitzerfamilie zurückgestellt.

Für mich stellt somit das Buch auch einen Versuch dar, diesen „Ort der amputierten Seele“ zu verwandeln, also einen Betrag zur Heilung zu leisten, im eben angeführten Sinne. Wie ich auch an anderer Stelle  bereits angeführt habe (vgl. den Beitrag au der RAI Südtirol in der Sendung „Kulturzeit“ Anfang April diesen Jahres) soll der zerbrochene Krug, den das Haus auf der Kager 5 mit seiner Geschichte symobilisiert, sollen seine zerborstenen Teile – endlich! –  wieder zu einem Ganzen zusammengefügt werden (auf der Ebene der Erzählung, wobei die Brüche sichtbar bleiben, alles andere wäre Erinnerungskitsch), aus dem wir alle, die mit dem Haus und seiner Geschichte verbunden sind, für unser Leben heute schöpfen können.

Anläßlich der Lesung in Eppan hat sich erfreulicherweise spontan ein ORF-Filmteam aus Bozen gemeldet und im Vorfeld der Veranstaltung im Garten der Mittelpunktsbibliothek Eppan mit mir einen – sehr gelungenen, wie alle Reaktionen zeigen – Beitrag zu meinem Buch gedreht. Dieser wurde am Freitag, den 26. August 2016 auf ORF2 in der Sendung „Südtirol heute“ ausgestrahlt. Über die Veranstaltung berichtete auch die Tageszeitung „Dolomiten“ in ihrer Ausgabe vom 27.8.2016. Den ersten Satz des Berichts kann ich nach all den Gesprächen und Diskussionen im Zuge meiner Leisereise uneingeschränkt unterstreichen: „Option ist mit Verdängung und Scham verbunden.“ Hier der link zum Artikel:

bericht_dolomiten_lesung_eppan

 

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