Lesung in der Synagoge in Meran am 3.11.2016

Rund 15 Personen waren zu dieser Lesung in die Synagoge in Meran gekommen, unter ihnen Christina Kury, die langjährige Abgeordnete der Grünen im Südtiroler Landtag. Im Mittelpunkt des Abends stand folgender Aspekt meines Buches: der Zusammenhang zwischen Südtiroler Option bzw. Südtiroler Umsiedlung und Arisierung. „Das Buch von Klaus Pumberger ist eines der ersten, das sich mit diesem dunklen Teil der Südtiroler Zeitgeschichte intensiver auseinandersetzt“, so Joachim Innerhofer, Kurator des Jüdischen Museums in Meran, in seinen einleitenden Worten.
Stimmen aus dem Publikum: „Ich habe es sehr spannend gefunden, mehr über die Zeit der Option in Südtirol in Zusammenhang mit dem Schicksal einer jüdischen Familie in Wien zu erfahren!“ „Ich schätze sehr die persönlichen Teile des Buches, da hier die Emotionen des Autors, die er mit seinen Arbeiten verbindet, sichtbar werden. So konnte ich als Leser mitverfolgen, wie das Buch entstanden ist. Die Geschichte selbst geht mir sehr zu Herzen.“ „Ich habe schon viele historische Bücher gelesen, aber selten eines, das so gut recherchiert ist und an Hand persönlicher und familiärer Geschichten so tiefen Einblick in die europäische Zeitgeschichte gibt. Ich konnte das Buch nicht auf einmal durchlesen. Ich musste immer wieder Pausen machen, um das Gelesene zu verdauen.“

Im ersten Teil der Lesung stand die Entwicklung der jüdischen Familie Beer im Vordergrund: da ist zunächst der Hutmacher Abraham Friedrich Beer, als Handwerker auf der untersten sozialen Stufe im jüdischen Ghetto in Preßburg (heute: Bratislava), dessen Sohn Samuel Beer (er wächst noch als Junge im Ghetto auf, das erst 1842 aufgeklöst wird) nach seiner Hochzeit mit Charlotte Mandl aus Iglau (heute: Jihlava in Tschechien) 1859 nach Wien zuwandert. Zusammen mit seinem Bruder, der ebenfalls aus Preßburg nach Wien zuwandert, gründet er ein kleines, zugleich erfolgreich Handeslunternehmen, zunächst wird mit Leinen, dann mit Baumwolle gehandelt. Die beiden bekommen sechs Söhne, unter ihnen Louis Beer, der sich nach dem Studium von Jura und der Nationalökonomie an der Universität Wien zum angesehenen Redakteur der „Neuen Freien Presse“ (um die Jahrhundertwende die wichtigste liberale Tageszeitung in der Monarchie) hocharbeitet. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg lernt er Rosa Ecker (sie stammt aus dem Oberen Donautal aus Wesenufer, zwischen Linz und Passau gelegen) kennen, die sich als private Pflegerin um den schwerkranken Bruder von Louis Beer kümmert. Die beiden heiraten, 1919 kommt Ludwig Beer als ihr Sohn zur Welt.
Etwa zur selben Zeit kaufen sich die Beers in Wesenufer in der Ortschaft Kager ein kleines Anwesen, angedacht als Ferien- und späterer Alterssitz.  Dieser Ankauf ist auch Ausdruck der eben beschriebenen Lebensleistung von Familie Beer, ihres sozialen und gesellschaftlichen Aufstiegs von der untersten Stufe des Ghettos in Bratislava zum anerkannten und gut situierten Redakteur in einer der bedeutendsten Tageszeitungen Wiens. Die spätere Beschöagnahmung und Arisierung des Anwesens durch die NS-Behörden bedeutet daher neben anderen auch die Zerstörung dieser Lebensleistung.

Zwischen den einzelnen Textstellen – dieses Mal vorgelesen zusammen mit meiner Frau Theresa Schönberger – haben wir immer einige Takte von jiddischen Liedern eingespielt, vorgetragen von dem deutschen Ensemble „DRAJ“. Diese habe ich bewusst ausgewählt, denn es gibt da einen interessanten Bezug zu meinem Buch, wie ich in meinen persönlichen Ausführungen anmerkte. „Rückblickend betrachtet ist es sicherlich mehr als Zufall, dass dies mit Südtirol und unserer Familie zu tun hat. Mit einem Bruder bin ich im Mai 2008 im Südtiroler Vinschgau zwischen Meran und Reschenpass unterwegs: Radfahren und Wandern. An einem Abend hören wir in der Kirche des malerischen Gebirgsdorfes Stilfs jüdische Lieder, genauer gesagt: jiddische Lieder, und da hat es klick in mir gemacht. Nach vielen Jahren musste ich wieder daran denken: Da gab es doch in unserer Familiengeschichte ein jüdisches Haus, in dem meine Großeltern mit ihren Kindern, darunter meine damals 11jährige Mutter, in der NS-Zeit gelebt haben! Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich von der Geschichte nur schemenhaft einige, wenige Bruchstücke, von Ludwig Beer nicht einmal seinen Namen. Schnell war mir nun klar: jetzt wollte ich doch mehr zu dieser Geschichte wissen. Und ich wollte den NS-Opfern der Besitzerfamilie Beer ein Gesicht, eine Stimme geben. Diese sollen nicht vergessen warden.“

Hier nun zwei Beispiele aus den Texten dieser Lieder (übersetzt aus dem Jiddischen ins  Deutsche):
SCHLAF, MEIN TÄUBCHEN
Schlaf, mein Täubchen,
mach zu die Äugchen,
schlaf, mein Kind, schlaf!
Mach zu die Äugchen,
mein teuer Täubchen;
schlaf, mein Kind, schlaf!
Ein guter Engel
soll dein Hüter sein
von heut´bis morgen früh!

KINDERJAHRE
Kinderjahre, süße Kinderjahre;
ewig bleibt ihr wach in meiner Erinnerung;
wenn ich an diese Zeit denke;
wird mir so angst und bang –
ei, wie schnell bin ich schon alt geworden.
Noch steht mir die Stube vor Augen,
wo ich geboren und aufgewachsen bin,
auch meine Wiege seh´ich dort,
steht noch auf dem selben Platz –
wie ein Traum ist das alles verflogen.

Im zweiten Teil der Lesung lasen wir aus Teilen meines Buches, in denen ich Überlegungen anstelle, was sind die Nachwirkungen von Geschichte bis in unsere Gegenwart. Eine zentrale These in meinem Buch dazu lautet: Im Prozess der Verbindung zwischen Familiengeschichte und Arisierung – auch wenn diese von meinen Großeltern nicht initiiert und auch nicht aktiv betrieben worden ist – entsteht Scham. Was sind die Folgen und Nebenwirkungen davon – über Generationen hinweg bis heute? Woher kommt das jahrzehntelange Nicht darüber Reden?

„Meine Großeltern haben mit dem Gang in ein zuvor arisiertes Haus in Umständen gelebt, die zu ihren Werten (Du sollst nicht stehlen, Du sollst nicht töten, Du sollst nicht lügen, Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus) diametral im Gegensatz standen. (…) Dieser innere Konflikt, in dem meine Großeltern mit dem Einzug in das arisierte Haus von Ludwig Beer zwischen Sommer 1940 bis zur Rückerstattung an Rosa Beer im November 1950 lebten, kann nicht aufgelöst werden, weder durch Schweigen noch durch eine wütende Gegenreaktion. Er muss als solcher auch in der historischen Betrachtung ausgehalten werden. Der Konflikt kann lediglich auf eine andere Ebene gehoben werden, auf der dann heute eine positive Umwandlung möglich wird (z. B. durch Trauer zulassen, Trost finden und geben, sich zuständig fühlen für die Geschichte). Zentrale Voraussetzung ist und bleibt, dass der Konflikt als solcher benannt, dass ihm in all seinen Facetten ins Auge gesehen, und dass über ihn unvoreingenommen gesprochen werden kann. „Die Scham ist an sich etwas Gutes“, schreibt der Schriftsteller Peter Handke. Und er fährt fort: „Wenn die Scham jedoch einen hindert zu erzählen, dann ist sie nichts Gutes.“ (Zitat, Buch, S. 224/225)

„Woher rührt dieser Widerstand, sich mit der Verbindung zwischen eigener Familiengeschichte und Arisierung auseinanderzusetzen? Der deutsche Psychotherapeut Jürgen Müller-Hohagen verweist in seinen Arbeiten zu diesem Thema auf zwei Aspekte. Zum einen verbindet Arisierung die eigene Familiengeschichte mit den Verbrechen des Dritten Reiches, mit dessen Lügen, mit dessen Schuld. Zum anderen kommt bei Arisierung ein spezifischer Punkt hinzu. Denn Arisierung wirkt zugleich unmittelbar immer auch in die nächsten Generationen hinein. Der durch Arisierung unrechtmäßig erworbene Besitz stellt ja nicht nur die Basis für die Entwicklung der damaligen Generation dar, sondern auch für jene der kommenden Generationen. Damit bin ich als Nachkomme weiterhin direkt involviert. (…) Das Ende der Umsiedlung bedeutete für die Familie meiner Großeltern im materiellen Sinne nicht die „Stunde null“. Es war kein Ankommen in einem „Nichts“. Und ein wesentlicher Faktor, der dafür sorgte, dass es mehr als ein „Nichts“ gab, war das Haus und der Besitz von Ludwig Beer, der zuvor ihm und seiner Mutter von den NS-Behörden geraubt worden war. So gesehen lag ich intuitiv richtig, als ich bereits am Ende des ersten Jahres meiner Forschungen in Bezug auf meine persönliche Identität folgenden Satz in mein Notizbuch schrieb: „Das Haus von Ludwig Beer auf der Kager 5 ist auch ein Haus meiner Geschichte.“ (Zitat, Buch, S. 269/270)

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Auf die Lesung folgten noch zahlreiche, zum Teil sehr lange informelle Gespräche mit einzelnen TeilnehmerInnen der Veranstaltung. Ein Aspekt ist mir dabei in besonderer Erinnerung geblieben: Die Geschichte des arisierten Hauses und der beiden Familiensagas stellt sich für mich immer mehr als ein Krug dar, der im Laufe der Zeit durch den Gang der politischen Geschichte gewaltsam auseinandergeschlagen worden ist. Heute sollen diese zumindest auf der Ebene der Erzählung wieder eins werden können. Wie bei einem zerbrochenen Krug sollen die zerschlagenen Teile wieder zusammengefügt werden, die Brüche bleiben sichtbar, doch – und das ist die Absicht meines Buches – es ist wieder ein Krug bzw. es ist jetzt endlich ein gemeinsamer Krug, der uns alle aus den betroffenen Familien verbindet, zugleich ein Fundus, der uns Orientierung für unser heutiges Handeln bietet.

Im Vorfeld der Veranstaltung hat die Tageszeitung „Dolomiten“ einen kurzen Bericht zu meinem Buch gebracht. Hier der link:

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