Lesung am 4.11.2016 in Brixen

Rund 30 Personen waren in das Jakob-Steiner-Haus in Brixen-Milland gekommen. Veranstaltet wurde der Abend von der „Organisation für Eine solidarische Welt / Organizzazione per Un mondo solidale“. Deren Mitarbeiterinnen Marta Larcher (Fachbibliothek) und Lisa Frei (Kommunikation) haben die Veranstaltung mit großem Engagement vorbereitet, die im gesamten Publikum über den ganzen Abend hinweg großes Interesse hervorrief. Auf die Lesung folgte eine sehr lebendige Diskussion mit vielen anregenden Fragen.
Stimmen aus dem Publikum:
„Eine der besten Lesungen, die ich seit langem gehört und gesehen habe.“
„Sehr locker, sehr anschaulich, einfach gut.“

„Ein mutiges Buch.“
„Ich hatte das Buch bereits gelesen. Besonders beeindruckt bin ich von Rosa Beer. Was diese Frau nicht alles ausgehalten hat? An diese Frau muss unbedingt erinnert werden.“
„Wir haben einen Sohn, der in Wien lebt. nach diesem Abend bin ich für die Geschichte bestimmter orte in Wien mehr sensibilisiert, insbesondere für die Geschichte der Juden in Wien.“

Von der Diskussion sind mir folgende Fragen bzw. Themen besonders in Erinnerung geblieben:
_ wie reagiert bislang mein Familiensystem auf das Buch?  Diese Geschichte ist eben auch mit Schmerz-, Scham- und Schuldgefühlen verbunden, und die Heftigkeit dieses Gemischs spiegelt sich auch in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Zugängen (von Empathie bis Verweigerung), mit denen sich einzelne aus meinem Familiensystem der Aufarbeitung der Geschichte annähern (vgl. dazu auch den Bericht zur Lesung in Prag sowie zur Lesung in Wien – Buchhandlung Thalia)

_ warum hilft das Schweigen zur Geschichte nicht weiter? Die Folgen der Geschichte, insbesondere was den Umgang damit betrifft, wirken bis heute nach (vgl. dazu den Bericht zur Lesung in der Südtstadt – Maria Enzersdorf). Sie sind da, sie verschwinden auch durch Schweigen nicht. „Meine Großeltern haben mit dem Gang in ein zuvor arisiertes Haus in Umständen gelebt, die zu ihren Werten (Du sollst nicht stehlen, Du sollst nicht töten, Du sollst nicht lügen, Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus) diametral im Gegensatz standen. (…) Dieser innere Konflikt, in dem meine Großeltern mit dem Einzug in das arisierte Haus von Ludwig Beer zwischen Sommer 1940 bis zur Rückerstattung an Rosa Beer im November 1950 lebten, kann nicht aufgelöst werden, weder durch Schweigen noch durch eine wütende Gegenreaktion. Er muss als solcher auch in der historischen Betrachtung ausgehalten werden. Der Konflikt kann lediglich auf eine andere Ebene gehoben werden, auf der dann heute eine positive Umwandlung möglich wird (z. B. durch Trauer zulassen, Trost finden und geben, sich zuständig fühlen für die Geschichte).  (Zitat, Buch, S. 224)
_ wie verlief die Restitution des Hauses? Im einzelnen ist dieser Themenkomplex im Buch in einem eigenen Kapitel beschreiben (S. 298-307). Generell kann festgehalten werden, dass Rosa Beer in einem sehr langwierigen und mühseligen Verfahren zahlreichen bürokratischen Schikanen und finanziellen Benachteiligungen vonseiten der Republik Österreich ausgesetzt war – wiederum ein Spiegel für den Verlauf von Restitution in Österreich zu der damaligen Zeit allgemein. Das Verfahren hat bei Rosa Beer mehr als doppelt so lang gedauert als vergleichbare Fälle. Sie musste eine Restschuld einer Hypothek, die von NS-Organisationen auf das Haus aufegnommen – natürlich gegen den Willen von Rosa Beer, nicht einmal gefragt wurde sie – worden ist, übernehmen (!).
Diese entsprach etwa dem Wert dem Einkommen von neun Monatsgehältern ihrer damaligen Arbeit als Krankenschwester.  Jene staatliche Behörde (Finanzlandesdirektion des Landes Oberösterreich), die das Haus nach 1945 verwaltete, hat auch den entsprechenden Rückstellungsbescheid ausgestellt. Die Republik Österreich übernahm also weder Verantwortung für die Schlampigkeiten dieser Behörde noch Verantwortung für die lokalen Behörden und die Justiz, die 1940-1942 in der ersten Phase die Beschlagnahmung und die Arisierung des Hauses vorangetrieben haben.
UND: Die entgangenen Pachtzinseinnahmen – es handelte sich dabei in etwa um drei Jahreseinkommen von Rosa Beer – wurden Rosa Beer zur Gänze nicht ersetzt. Diese Verluste waren eine Folge der durch die NS-Behörden festgelegten Reduzierung des Pachtzinses (etwa auf ein Viertel des realen Marktwertes und auch jenes Pachtzinses, den Rosa Beer bis zur Beschlagnahmung erhalten hatte), wodurch meine Großeltern begünstigt wurden. Dieser Aspekt war im Restitutionsverfahren nicht einmal ein Thema, was in der Diskussion Verwunderung bei einigen Zuhörer*innen hervorrief.

Ich selbst habe daher mein Engagement für das Buch immer auch als ein Zeichen des Ausgleichs (nicht der Wiedergutmachung, die heute gar nicht möglich ist) für den materiellen als auch für den immatieriellen Schaden – Zerstörung der Lebensleistung von Louis und Rosa Beer, Zerstörung des Ortes, der für Rosa Beer in der Erinnerung für einen Ort der Hoffnung auf ein gutes Leben stand -, den Rosa Beer durch die Beschlagnahmung und Arisierung des Hauses erlitten hat. Hinzu kommt der Schrecken und die Verzweiflung, die daraus für sie resultierten.
Ebenso verstehe ich die Förderungen bzw. Unterstützung von verschiedenen staatlichen Stellen (Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus, Zukunftsfonds der Republik Österreich, Land Oberösterreich, Land Südtirol, Gemeinde Waldkirchen am Wesen), die die Drucklegung des Buches ermöglichten, auch als Zeichen des Ausgleichs.
OLYMPUS DIGITAL CAMERAAls ein weiteres Zeichen des Ausgleichs habe ich den Grabstein von Louis Beer am alten jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofes renovieren sowie die Inschrift erneuern lassen (als ein Zeichen dafür, dass die Erinnerung – an die Beers – weiterlebt). Zudem befindet sich auf diesem Grabstein nun auf Initiative des Steinmetzmeisters auch ein Hinweis auf Ludwig Beer.

_ Bezüge der Geschichte zur aktuellen gesellschaftlichen Situation: Erfahrungen des Fremd-seins und des Ausgegrenzt-seins vieler Südtiroler Umsiedler damals (vgl. Buch S. 302-304) und der Flüchtlinge heute. „So wie es uns in der Schule gegangen ist, dann denke ich mir, wir waren ja damals nichts anderes als heute die Ausländer.“ (eine Tochter von Familie Eppacher erinnert sich Jahrzehnte spater im Gespräch)

_ wie ging es mit Familie Eppacher weiter? Dieses ist im Epilog meines Buches (vgl. S. 309-311) näher beschrieben: sie gingen nicht zurück, blieben bis 1956 noch Pächter des Hauses, auch beim neuen Pächter, der 1951 das Haus von Rosa Beer erwarb, dann zogen sie nach Altheim bei Braunau, ebenfalls im Innviertel, wo sie bis zu ihrem Tod (1992) wohnten. Ihre Töchter und Söhne erlebten – u.a. dank ihres Fleißes und ihrer Fachkompetenz – einen sozialen und gesellschaftlichen Aufstieg, der sich in der nächsten (Enkel-) und übernächsten (Ur-Enkel) Generation – u.a. dank der Bildung – rasant forstetzte.

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