Lesung am 11.11.2016 in Wien (Lutherische Stadtkirche)

Rund 15 Personen waren in die Lutherische Stadtkirche in der Dorotheergasse im ersten Wiener Gemeindebezirk gekommen. „Was den Umgang mit Geschichte betrifft, so sind Scham und Schweigen zentrale Themen im Buch von Klaus Pumberger. Wie beides in eine angemessene Sprache umgewandelt werden kann, diese Frage ist heute aktueller denn je. Gerade in diesen Tagen, in denen ein Mann, der bewusst eine unangemessene Sprache gegen Menschen und ganze Menschengruppen eingesetzt hat, zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden ist. Sprache als Instrument der Verführung und Sprache als Mittel zur Heilung, beide Arten von Sprache finden wir im Buch von Klaus Pumberger“, so Pfarrerin Ines Knoll in ihren einleitenden Worten. Auf die Lesung folgte eine intensive, sehr ergiebige Diskussion.
Stimmen aus dem Publikum:
„Ich bin beeindruckt von dem tiefgründigen Gespräch nach der Lesung, das von Frau Knoll inhaltlich überlegt eingeführt und gut moderiert wurde.“
„Das liebevolle Testament von Louis Beer – ich hatte es zuvor schon im Buch gelesen – hat mich dieses Mal, vorgetragen absatzweise abwechselnd von einem Mann und einer Frau, auf eine besondere Weise berührt.“

Dieses angesprochene Testament von Louis Beer berührt auch mich immer wieder von Neuem, weil es gleichsam die mehrfache Liebeserklärung eines Mannes darstellt, der – durchdrungen von einem humanistischen Geist – als Folge seiner schweren Krankheit (Darmkrebs) um sein nahendes Lebensende weiß: eine Liebeserklärung an „seine liebe brave Frau“, an „seinen lieben Buben“, an seinen Stiefsohn „Edi“ und auch eine Liebeserklärung an den Ort Wesenufer an der Donau sowie an sein Anwesen in der Ortschaft Kager (vgl. Buch, S. 58).

Der Ort der Veranstaltung war von mir bewusst gewählt, wie ich in meinen Worten zur Begrüßung näher ausführte. „Emil Beer, einer der fünf jüdischen Onkel des Hauptprotagonisten in meinem Buch, ist Ende des 19. Jahrhunderts vom Judentum zum Protestantismus übergetreten und war dann Mitglied bis zu seinem Tod der hiesigen Gemeinde, wie mir ein Blick in Ihre Sterbebücher zeigte. Ferner schätze ich, dass Sie sich in den letzten Jahren intensiv auch mit den eigenen dunklen Seiten in der NS-Zeit auseinandergesetzt, verschiedene Aktivitäten dazu unternommen, so auch eine eigene Gedenkschrift verfasst, und hier in der Kirche sichtbar für alle eine Gedenktafel angebracht haben. Und: Seit einigen Jahren ist für meine Frau und für mich, die wir beide in durch und durch katholischen Familien aufgewachsen sind, Frau Ines Knoll – ich bitte um Nachsicht für meine etwas saloppe Formulierung –  „unsere evangelische Pfarrerin“. Ihre Theologie des Trostes, die wir aus Ihren Gottesdiensten und insbesondere aus Ihren Predigten mitnehmen, ist uns immer ein Seelenbalsam.“

Zu Beginn des Gespräches ging es noch einmal um das Erlebnis im Mai 2008, das einen entscheidenden Wendepunkt in meiner eigenen Auseinandersetzung mit dieser Geschichte bedeutete: das Hören, gemeinsam mit einem Bruder, von jüdischen Liedern  in einer katholischen Kirche im Südtiroler Vischgau (vgl. dazu den Bericht zu der Lesung in der Synagoge von Meran). „Warum war genau dieses Erlebnis der Wendepunkt? Was ging da in Ihnen vor?“, so die Fragen von Ines Knoll an mich. Rückblickend betrachtet war es die besondere Atmosphäre, die ich mit diesem Erlebnis bis heute verbinde. Für die Dauer dieses Konzerts schien mir der tiefe und dunkle Graben zwischen Judentum und Christentum überwunden zu sein. So wie der dortige Pfarrer das Konzert einfühlsam einleitete und umrahmte, war es irgendwie ganz selbstverständlich, dass diese jüdischen Lieder und die Kirche zusammengehören. Obwohl dieses Erlebnis schon mehr als acht Jahre zurück liegt, so war dieses Gefühl der eben erwähnten Zusammengehörigkeit bei mir sofort wieder präsent, als ich kurz vor der Veranstaltung zur Vorbereitung, ob eh alles technisch funktrioniert, eben diese jüdischen  Lieder von damals via CD-Player und Lautsprecheranlage in der Stadtkirche heute spielte (später dann auch bei der Lesung zwischen den Textstellen).

Eine weitere, ähnliche Erfahrung machte ich damals vor acht Jahren, als ich kurz nach dem Ende des Konzerts meinem Bruder davon erzählte, dass ich zuvor in der Kirche nach vielen Jahren wieder daran denken musste: da gibt es doch auch in unserer Familiengeschichte ein jüdisches Haus, in dem unsere späteren Großeltern mit ihren zehn Kindern, darunter unsere Mutter, damals 11 Jahre alt, in der NS-Zeit als Pächter lebten! Ich hab dabei positiv in Erinnerung, dass es keinen Graben zwischen uns Brüdern in der Wahrnehmung dieses Teils unserer Geschichte gab, als wir darüber sprachen.

Und genau darin liegt auch eine der positive Erfahrungen, die ich den letzten Jahren in der Beschäftigung mit dieser tragischen Geschichte, die auch in der Erzählung kein happy-End nimmt, mehrmals machen durfte: Wenn wir das, was war, inklusive dem, wie mit der Geschichte nach 1945 lange Zeit umgegangen worden ist, offen und uneingeschränkt aussprechen, dann wird es möglich, historische Gräben, historische Differenzen zu überwinden.

Breiten Raum nahmen dann im Zuge des Gespräches folgende Fragen ein: Was macht die Scham von damals mit uns heute? Wofür stand das lange Schweigen? Hier haben mehrere Teilnehmerinnen sehr offen aus ihrer eigenen Familiengeschichte berichtet: aus Angst vor Vorwürfen; aus Angst, einen schlechten Ruf zu bekommen; um den eigenen Scham- und Schuldgefühlen aus dem Weg zu gehen, sich mit ihnen nicht konfrontieren zu müssen etc. Vgl. dazu auch den Bericht zu der Lesung in der katholischen Pfarre Südstadt (Maria Enzersdorf). In diesem Zusammenhang ist interessant festzuhalten,  dass sich ab der Mitte des ersten Jahrzehnts nach der Jahrtausendwende, also ab 2005, eine Häufung der kritischen Arbeiten zur Verwicklung und zur Verbindung der eigenen Familiengeschichte mit dem Nationalsozialismus beobachten lässt, im speziellen gerade auch im letzten Jahr 2015/2016. Offensichtlich hat sich da die Grenze des „Sagbaren“ verschoben, sowohl in der Gesellschaft als auch in den Familien.

Ines Knoll brachte dann in das Gespräch noch einen Aspekt aus dem Werk von Ilse Aichinger ein, die eben am Tag der Veranstaltung 95-jährig in Wien verstorben ist. Ilse Aichinger verweist immer wieder auf das Verschwinden, wenn es um den NS-Terror, um die Shoah, aber auch um den Umgang mit der NS-Geschichte nach 1945 geht. Eine meiner Kernthesen zu meinen Arbeiten lautet: Im Prozess der Verbindung zwischen Familiengeschichte und Arisierung, auch wenn diese von meinen Großeltern nicht initiiert und auch nicht aktiv betrieben worden ist, entsteht Scham. Dabei habe ich folgendes festgestellt: Auf der einen Seite entstehen Schweigen, Legenden, Mythen und Selbst-Viktimisierung der eigenen Familiengeschichte, um die als Folge der Verbindung mit der Arisierung eines Hauses resultierenden Schmerz-, Scham- und Schuldgefühle auszuhalten. Und auf der anderen Seite treten die realen NS-Opfer, in diesem Fall jene der Familie Beer, immer mehr in den Hintergrund, werden an den Rand der Erzählung gedrängt, bis zur Unkenntlichkeit bzw. verschwinden ganz.

Im Falle unserer Familienerzählung haben sich vielfach jahrzehntelang – bis zum Beginn meiner  Recherchen – folgende Legenden gehalten:
1. Dort in Wesenufer, wohin meine späteren Großeltern bei der Auswanderung hinkamen, gab es einen „guten“ Nazi-Bürgermeister – er war kein „böser“ Nazi -, der uns  – einer nicht gerade begüterten, weil mit einer großen Kinderschar versehenen Familie – dieses Haus gab, und dafür sind wir ihm dankbar. Woher der NS-Bürgermeister dieses Haus hatte – tatsächlich auf eine „gute“ Weise?  – dieser Aspekt blieb lange Zeit im Dunkeln bzw. diese Frage wurde erst gar nicht gestellt (vgl. Buch, S. 265/266).
2. „Das Haus stand ja leer, wegen uns wurde niemand vertrieben, die ganze Sache hat daher mit uns nichts zu tun.“ (vgl. Buch, S. 13) Diese Erklärung dürfte jene sein, die meinen Großeltern zu Beginn, als sie in das arisierte Haus gingen, von den NS-Behörden gegeben worden sein. Sie ist dann unhinterfragt in die Familienerzählung eingegangen. Denn: das Haus war bis Ende 1936 regelmäßig bewohnt, später auch noch, immer wieder von Rosa Beer, ihrem Sohn Eduard und dessen Familie, die Gründe waren bis zur Beschlagnahmung verpachtet, woraus Rosa Beer Einnahmen erzielte, die etwa einem Drittel ihres damaligen Jahreseinkommens als Krankenschwester entsprachen. Das Haus stand also im Sommer 1940 zwar leer, doch es war – was diese Legende ausblendet und vernebelt – zuvor leer geräumt und Familie Beer gestohlen worden.
Der Entgang von Pachtzinseinnahmen für Rosa Beer (drei Jahresgehälter) als Folge der Beschlagnahmung sowie des reduzierten Pachtzinses für meine Großeltern durch die NS-Behörden auf ein Viertel des realen Marktwertes, aber auch der immaterielle Wert, den das Haus für Rosa Beer hatte (vgl. Buch, S. 58 und S. 63), werden in dieser Legende überhaupt nicht in Betracht gezogen, ebenso wenig der Umstand, welche späteren Nutzungsmöglichkeiten damit Rosa Beer aus der Hand genommen worden sind, z.B. sicherer Ruckzugsort bei den allierten Bombenangriffen auf Wien ab 1943 (vgl. Buch, S. 269/270).
3. Am Ende der Auswanderung der Familie meiner Großeltern stand die „Stunde Null“. „Das Ende der Umsiedlung bedeutete für die Familie meiner Großeltern im materiellen Sinne nicht die „Stunde null“. Es war kein Ankommen in einem „Nichts“. Und ein wesentlicher Faktor, der dafür sorgte, dass es mehr als ein „Nichts“ gab, war das Haus und der Besitz von Ludwig Beer, der zuvor ihm und seiner Mutter von den NS-Behörden geraubt worden war. So gesehen lag ich intuitiv richtig, als ich bereits am Ende des ersten Jahres meiner Forschungen in Bezug auf meine persönliche Identität folgenden Satz in mein Notizbuch schrieb: „Das Haus von Ludwig Beer auf der Kager 5 ist auch ein Haus meiner Geschichte.“ (Zitat, Buch, S. 269/270)

Diese Legenden aufzulösen, darin bestand ein Hauptantrieb für mich, das Buch zu schreiben. Zugleich wird es auch auf diese Weise möglich, den NS-Opfern der Besitzerfamilie Beer ein Gesicht, eine Stimme zu geben.

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