Lesung am 16.2.2017 in Ried im Innkreis

Wieder ein starkes Echo auf mein Buch im Innviertel! Rund 140 Personen waren in den Riedberg Pfarrsaal gekommen, Besucherrekord im Zuge der bisherigen Lesereisen! Unter ihnen Vertreter der Stadt Ried (Vizebürgermeister, Stadträte, Leiterin des Kulturamtes), mehrere Bürgermeister aus dem Bezirk sowie die Leitung des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim.
Das Buch von Klaus Pumberger ist ein großartiges Zeitbild des 20. Jahrhunderts im Spiegel zweier Familien mit höchst unterschiedlichen, dramatischen Schicksalswegen, zusammengezwungen durch den Lauf der politischen Geschichte, durch die Arisierung des Hauses von Ludwig Beer in Wesenufer an der Donau. Es ist außerdem bewundernswert recherchiert und gekonnt wie fesselnd geschrieben. Die letzte Zeit habe ich täglich in dem Buch gelesen und komme aus dem Staunen nicht heraus. Welche Fülle an Wissen der Autor zusammengetragen hat, wie mitfühlend Legenden und Mythen in Familie, Staat und Gesellschaft aufgebrochen werden, wie eine kostbare Frucht“, so Gottfried Gansinger, Autor des jüngst erschienenen Buches „
Nationalsozialismus im Bezirk Ried im Innkreis“, Initiator des Abends, Sprecher der Veranstalter (O.Ö. Volksbildungswerk, Treffpunkt der Frau, St. Franziskus Bildungszentrum, M.U.T. – Menschlichkeit und Toleranz).
„Besonders hervorzuheben ist, welche Breitenwirkung Klaus Pumberger mit seinem Buch in Bezug auf die Aufarbeitung der NS-Zeit in unserer Region des Innviertels erzielt hat“, so das Resümee von Sonja Seiler-Baumfeld, Psychotherapeutin und Moderatorin der Veranstaltung.

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von l.n.r.: Franz Pumberger, Madeleine Pumberger (kümmerte sich um die musikalischen Einspielungen), Klaus Pumberger, Theresa Schönberger, Sonja Seiler-Baumfeld, Gottfried Gansinger

Stimmen aus dem Publikum: „Ich habe persönliche Bindungen zur Ortschaft Kager in Wesenufer, wo das (zwischen  1940 und 1945 arisierte und 1950 zurückgestellte) Haus stand und noch immer steht. Wir haben von dieser jüdischen Familie gehört, aber nichts Näheres, wer, was, wie, warum. Beim Lesen des Buches war ich tief berührt, auch im Laufe des heutigen Abends sind mir wieder Tränen  gekommen. Die Geschichte des Hauses und die beiden Familien bewegen mich stark. Die jiddischen Lieder, die immer wieder eingespielt wurden, haben dafür einen guten Resonanzboden abgegeben.“
„Ich bin beeindruckt und begeistert zugleich. Eine sehr würdevolle Moderation, insgesamt eine würdevolle Veranstaltung, getragen von tiefem Respekt für beide Familien.“
Mehrfach sind Teilnehmer und Teilnehmerinnen nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung auf mich als auch auf meine Frau Theresa Schönberger – wir haben dieses Mal die Textstellen wieder gemeinsam vorgetragen – zugekommen und haben sich für diese „sehr berührende“ Buch-Präsentation bedankt. Hier weitere Stimmen aus dem Publikum:
„Ich bin eher zufällig auf diese Veranstaltung aufmerksam geworden. Zunächst konnte ich mir darunter nichts vorstellen. Doch die Lesung hat mich sehr angesprochen, hat viele Fragen aufgeworfen, an die ich vorher nicht dachte. Das Lesen dieses Buches ist absolut empfehlenswert.“
„Eine verständliche Sprache zeichnet das Buch von Klaus Pumberger aus. Ich habe das Buch im Urlaub gelesen, und es war nie langweilig. Hervorzuheben ist das Bemühen des Autors, wirklich alle verfügbaren Quellen – wo auch immer immer – zu finden und in die Arbeiten einzubeziehen. Das Buch zeigt, es gibt viele Quellen, viel an Aktenmaterial zur NS-Zeit, wenn wir nur suchen wollen. Der Nationalsozialismus ist eben auch eine Familiengeschichte. Besonders sticht mir ins Auge: das Buch ist keine Anklage, zugleich weicht der Autor keine kritischen Frage aus. Für die Leser und die Leserinnen ist von Anfang bis Ende des Buches offensichtlich: der Autor schont auch sich selbst nicht.“
„Ich bin auch ein Nachkomme einer Südtiroler Umsiedlerfamilie. Bislang habe ich nicht gewusst, wie und warum wir nach Oberösterreich gekommen sind. Bei uns wurde auch nicht darüber geredet. Jetzt ist es mir Dank der heutigen Lesung klar geworden.“

Ein besonderer Höhepunkt der Veranstaltung war das Gespräch zwischen der Moderatorin Sonja Seiler-Baumfeld und meinem Bruder Franz Pumberger, in dem sich dieser zu meinem Buch öffentlich äußerte. Er war seit mehr als 40 Jahren bis vor kurzem als Jurist auf der Bezirkshauptmannschaft beruflich aktiv, davon die letzten 19 Jahre als Bezirkshauptmann. Seit mehr als 36 Jahren lebt er verheiratet mit seiner Frau Renate in Ried. Die beiden haben zwei Söhne und zwei Töchter, alle inzwischen erwachsen und beruflich erfolgreich tätig.

Franz Pumberger zeigte große Wertschätzung für meine Arbeit, was ich dabei alles zusammen getrage habe. Bis zu diesem Zeitpunkt wußte er nichts Näheres zur Auswanderung, nichts zur Option und auch nichts zum Haus der jüdischen Familie in Wesenufer. Zugleich äußerte er Respekt gegenüber den Lebensumständen unserer Vorfahren. Sehr emotional erwähnte er mehrere Schicksalsschläge unserer Großeltern, ebenso berührt äußerte er sich über die tragische Verwebung unserer Großeltern mit der Tragödie von Familie Beer. Er erwähnte auch, dass es in unserer Familie vor dem Erscheinen des Buches Ängste und Irritationen in unserer Familie gegeben habe. Für ihn selbst sind diese jedoch beim und nach dem Lesen des Buches nicht aufgetaucht. Auf diese Aspekte bin ich bereits bei der ersten (nicht-öffentlichen) Buch-Präsentation für meine Familie Anfang Oktober 2015 in Wesenufer näher eingegangen: „Der eine oder die andere mag sich gefragt haben, muss das sein, das Leben der Großeltern in Zusammenhang mit dieser Geschichte in die Öffentlichkeit zu tragen. Ich habe mir diese Frage auch gestellt. Mehrmals, über all die Jahre hinweg. Und ich bin immer wieder zum gleichen Ergebnis gekommen. Die Arisierung an sich, so auch der konkrete Fall hier in Wesenufer, war von Anfang bis Ende ein öffentlicher Vorgang. Zahlreiche Institutionen des NS-Staates (Gerichte, Finanzbehörden, Gestapo), Parteiorganisationen und Banken waren dabei in Aktion – auf der lokalen, regionalen wie auch auf der zentralstaatlichen Ebene. Der NS-Staat hat dabei eine Unmenge von Aktenbergen produziert: allein im Landesarchiv Linz liegen zu dem Haus etwas mehr als 500 Seiten, in Wien sind es um die 150. In diesen Akten taucht auch der Pächter immer wieder auf. Die Pächterfamilie ist Teil dieses öffentlichen Vorgangs und somit von öffentlichem Interesse.

Ein zweiter Punkt, mit dem ich gerungen habe: einerseits das karge Leben der Großeltern, durchzogen von viel und harter Arbeit, zudem zahlreichen, heftigen Schicksalsschlägen ausgesetzt, andererseits die Vertreibung und Verfolgung des Hausbesitzers durch die NS-Diktatur und ihrem Terror, bis hin zu seiner Ermordung, parallel dazu die Beschlagnahmung und der Raub seines Besitzes, dabei die Einschüchterung und die Willkür gegen seine Mutter, seine legitime Vertreterin, als er sich im Ausland befindet. Diese erleidet zu alldem hinzu auch einen materiellen Schaden: der von den lokalen NS-Behörden festgesetzte Pachtzins liegt in etwa auf dem Viertel des Marktwertes und durch diese begünstigten Mietkonditionen für die Großeltern entgehen der Mutter des Besitzers über die Jahre hinweg Pachteinnahmen in der Höhe von etwa drei Jahreseinkommen in ihrer Tätigkeit als Krankenschwester.

Und so habe ich mich oftmals gefragt, wie kann ich all das, was ich jetzt sehr gerafft vorgetragen habe, in dem Buch darstellen, ohne dass das eine das andere relativiert? Ich beschreibe die Tragödie der Besitzerfamilie Beer, die beispielhaft für die ganz große Tragödie steht, jener des NS-Terrors gegen politische Gegner sowie der Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung, bis hin zu ihrer Vernichtung, der Shoah. Zugleich beschreibe ich, wie meine Großeltern in diese Tragödie verwoben sind, wie es dazu gekommen ist, damit wir heute diese Geschichte besser verstehen können.

Ich persönlich erachte es als eine große Tragik im Leben meiner Großeltern, dass ausgerechnet diese beiden Menschen, gezeichnet durch ein hartes Leben, gebeutelt durch mehrere Schicksalsschläge, dass diese beiden Menschen als Folge ihrer Option in Südtirol für das Deutsche Reich mit dieser Tragödie verbunden werden. Sie haben damit teil am kollektiven Schicksal, sie stehen exemplarisch quasi als Repräsentanten für jene Kreise der Bevölkerung, die im ideologischen Sinne nicht-nationalsozialistisch waren, zugleich jedoch eingebunden in den NS-Staat und in sein Herrschaftssystem.

Dazu sei ein letzter Punkt hinzugefügt: im Vorfeld dieser Veranstaltung habe ich von Sorgen gehört, ob in dem Buch nicht etwas drinnen steht, wofür wir uns als Familie heute schämen müssten. Wenn ich mich mit der Frage des Umgangs mit dieser Geschichte beschäftige, dann schreibe ich auch über Schamgefühle, die als Folge von Armut, sozialem Abstieg, Italianisierung, und ebenso im Zuge der Verbindung mit Arisierung entstehen. Das meint jedoch eben nicht das „Sich Schämen müssen“ im landläufigen Sinne, das von außen an einen anklagend herangetragen wird, sondern Schamgefühle kommen von unserem Inneren heraus, entsprechen moralischen Kategorien, nach denen wir uns richten.

So signalisieren Schamgefühle: die handelnden Personen sind sich – offen oder insgeheim – bewusst, dass sie etwa als Pächter eines arisierten Hauses mit etwas in Verbindung sind, das nicht in Ordnung ist, auch wenn unsere Großeltern die Arisierung weder initiiert noch aktiv betrieben haben. „Die Scham an sich ist etwas Gutes“, so der Schriftsteller Peter Handke. Das Schamgefühl steht zugleich jedoch immer auch für einen inneren Konflikt: die Großeltern sind mit etwas verbunden, was mit ihren Wertvorstellungen nicht übereinstimmt. Und über innere Konflikte als Folge von Abweichung von eigenen Idealen und Werten zu sprechen, ist zuweilen unbequem und heikel. Ich wollte mit dem Schreiben des Buches eine Form finden, mit Hilfe derer ich dem Schamgefühl von damals heute eine Sprache geben und damit zugleich einen Raum öffnen kann, der uns das Reden darüber erleichtert.“

Zu den Reaktionen auf das Buch innerhalb meiner Verwandtschaft vgl. auch die Berichte zu den Lesungen in Prag, in Wien (Buchhandlung Thalia) und in Brixen. „Alles fügt sich zu einer großen österreichischen und europäischen Geschichte“, schrieb der Zeithistoriker Robert Streibel vor einem Jahr in seiner Rezension zu meinem Buch in der Tageszeitung „Die Presse“. Diese ist jedoch verbunden mit Schmerz, Scham- und Schuldgefühlen, über die nicht geredet werden konnte. Die Umsiedlung als Folge der Option für die Auswanderung nach NS-Deutschland bedeutete für meine Familie ein „entrissenes Herz“, abgetrennt von Verwandten, Freunden, von der natürlichen Zugehörigkeit, von der Heimat. Dazu kam die Einbindung in das nationalsozialistische Unrechtsregime, der sofortige Zugriff der Deutschen Wehrmacht auf die beiden ältesten Söhne (einer der beiden davon verstarb als Folge einer schweren Verwundung bei den Kämpfen in Stalingrad), die Übernahme von arisiertem Besitz als Pächter (vgl. dazu mein Interview mit dem Südtiroler Wochenmagazin „ff“).

Vor diesem Hintergrund erklärt der Widerspruch – einerseits eine katholisch-konservative (ein kleinerer Strang wird nach 1945 sozialdemokratisch), nicht-nationalsozialistische Familie, andererseits profitiert diese Familie vom Nationalsozialismus, wird begünstigt von einem konkreten NS-Unrecht, von einer konkreten NS-Verfolgung – das jahrzehntelange Nicht-darüber-Reden. Interessanterweise ist es ein Nicht-darüber-reden im Reden. Denn in derselben Familie wird sehr wohl über Politik und Geschichte geredet, teilweise wird sehr intensiv und auch heftig darüber diskutiert, jedoch nicht über die eigene Verbindung mit dem Nationalsozialismus, nicht über die Option, nicht über das jüdische Haus, nicht über die Besitzerfamilie, nicht über Ludwig Beer, den Eigentümer, und sein Schicksal – vgl. dazu den Bericht zur Lesung in Wien (Lutherische Stadtkirche).

Franz Pumberger wies in seinen Ausführungen auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin: Das Buch zeige, wie tief die NS-Herrschaft auch im Innviertel in das Alltagsleben der Menschen hineingewirkt hat. Darauf nahm im Laufe der Diskussion auch der anwesende Bürgermeister aus der Gemeinde Waldkirchen am Wesen, zu der auch der Ort Wesenufer gehört, Herbert Strasser, Bezug: „Was Klaus Pumberger in seinem Buch beschreibt, ist ein wichtiger Teil der Geschichte unseres Ortes. Sein Buch leistet einen wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte des Oberen Donautales in der NS-Zeit.“

Die Veranstaltung stieß auch auf ein breites mediales Echo. Schon im Vorfeld berichtete in zum Teil sehr ausführlichen Artikeln die „Oberösterreichischen Nachrichten“ sowie die Magazine „Mein Bezirk„, „Tips“ und „Unser Magazin“. Hier der link zu den beiden letztgenannten Artikeln:
Medienvorberichte_Lesung_Ried

Inzwischen hat der Sender BTV – oö. Regionalfernseheneinen eigenen Beitrag dazu ausgestrahlt.

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