Präsentation am 27. März 2019 in Paris

Rund 40 Personen waren zur Buchpräsentation anlässlich des 100. Geburtstages von Ludwig Beer ins Heinrich-Heine-Haus auf der Cité internationale universitaire de Paris gekommen. Als Mitveranstalter des gelungenen Abends fungierte das Österreichische Kulturforum in Paris.

Nach der herzlichen Begrüßung durch die Direktorin des Heinrich-Heine-Hauses, Frau Christiane Deussen, und einer kurzen Einführung ins Buch meinerseits folgte eine spannende Diskussion: zunächst am Podium, geleitet von einem gut vorbereiteten Moderator Gilbert Merlio, dann auch zwischen Podium und Publikum. Am Podium saß neben dem Moderator und mir auch Anaïs Spiro, eine Urenkeltochter von Rosa Beer, Großnichte von Ludwig Beer. Sie lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Paris als freie Musikfilmregisseurin. Es war das erste Mal, dass die Buchpräsentation von Nachkommen aus beiden Familien gemeinsam realisiert worden ist.

Ich habe auf meinen Lesereisen, die nun schon mehr als drei Jahre andauern, viele besondere Momente erlebt. Diese Veranstaltung war auch so ein besonderer Moment. Zum einen, weil wir mit diesem Abend gerade zum 100. Geburtstag von Ludwig Beer ein würdiges Gedenken an ihn feierten, und das in einer Stadt, in der er für sein Leben zentrale Weichenstellungen vornahm (siehe unten).

Zum anderen, weil Anaïs und ich gemeinsam diesen Abend gestalteten. Wir sind Nachkommen aus den beiden Familien, die über die Geschichte des Hauses von Ludwig Beer „durch den Lauf der Geschichte, durch die Folgen von Terror und NS-Unrecht zusammengezwungen worden sind“. Dies berührte mich schon beim Vortragen meiner Einführung, weil ich dabei – vielleicht noch etwas mehr als sonst – spürte, welche emotionale Nähe sich bei mir in den letzten Jahren zu Ludwig und Rosa Beer sowie der Tragik in ihrem Leben entwickelt hat.Die Geschichte von Ludwig Beer bleibt auch in meinem Buch eine tragische, ohne happy-end. Indem wir jedoch unserer Geschichte in ihrer Gesamtheit ins Auge schauen, auch und gerade den unangenehmen Seiten, öffnen sich neue Türen, neue Begegnungen und Beziehungen können entstehen, wie jene zwischen Anaïs und mir“, so ein kurzer Auszug aus meiner Einführung.

Zum Gelingen des Abends hat auch das gesamte Team des Heinrich-Heine-Hauses mit seinem großen Einsatz beigetragen. Es erwies sich als ein großzügiger Gastgeber. So wurde die gesamte Veranstaltung aufgezeichnet (die statements und Beiträge werden jeweils in der vorgetragenen Sprache wiedergegeben). Sie kann auf Youtube jederzeit aufgerufen werden. Hier der link


Warum wurde das Buch gerade in Paris vorgestellt?
Weil es eben in Paris im Leben von Ludwig Beer zwei zentrale Wendepunkte gab. In meiner Einführung ging ich darauf näher ein: „Nach dem „Anschluss“ muss Ludwig Beer flüchten, zunächst in die Schweiz, von dort weiter nach Paris. Hier durchläuft er die nächste wichtige Weichenstellung in seinem politischen Leben. Er will sich hier nicht lange aufhalten, es zieht ihn weiter. Er gehört zu den letzten österreichischen Freiwilligen, denen der Weg nach Spanien noch gelingen sollte. Obwohl sich zu diesem Zeitpunkt die militärische Lage für die Republik bereits nahezu aussichtslos darstellt, will er als Teil der Internationalen Brigaden aktiv am Bürgerkrieg teilnehmen. Aus Paris schrieb er seiner Mutter:Ich möchte mir die Front, an der ich kämpfe, selbst aussuchen.“ (…)
Jahreswende 1942/1943. Ludwig Beer ist inzwischen Teil der französischen Résistance geworden, aktiv in Nancy und Paris. Der Sieg der Roten Armee in der Schlacht bei Stalingrad löst auch bei Ludwig Beer und seinen Genossen Euphorie aus. Die Führung der österreichischen Kommunisten in Frankreich kommt zur Ansicht, dass nun auch der Zusammenbruch der NS-Herrschaft im Inneren unmittelbar bevorstehe. Es sei daher hoch an der Zeit, die politischen Aktivitäten ins eigene Land zu verlagern, den Widerstand vor Ort aufzubauen und zu stärken. Mehrere Genossen sollen in die Heimat geschickt werden, sich an die Spitze der Bewegung setzen, etwaige Streiks, Demonstrationen sowie Revolten anführen und dann den neuen sozialistischen Staat nach dem Vorbild Moskaus aufbauen. Die Aktivisten sollen legal, aber mit einer falschen Identität nach Wien gehen, getarnt als französische „Fremdarbeiter“, die aus dem Elsass stammen. Ludwig Beer, mittlerweile 24 Jahre alt, erklärt sich mit diesem geplanten Einsatz einverstanden. Freiwillig. Ohne jeden Zwang oder Druck. „Auf ein Wiedersehen beim Freiheitskampf um unsere Heimat“, diesen Gruß lässt er einem Freund in Wien zukommen. Der Entschluss, bereits Anfang 1943 als Widerstandskämpfer nach Wien zurückzugehen, markiert die letzte wichtige Weichenstellung im politischen Leben von Ludwig Beer.“

Mehrmals im Laufe der Veranstaltung wurde auf das schwere Schicksal von Rosa Beer in der NS-Zeit hingewiesen (u.a. Arisierung des Besitzes ihrer Familie, Ermordung ihres Sohnes Ludwig im KZ Dachau, Verlust ihres Sohnes Eduard, der seit Januar 1945 als Soldat der Deutschen Wehrmacht vermisst wurde), und auch danach (in den Jahren bis 1950, in denen sie um die Rückgabe des zuvor arisierten Besitzes in einem mühseligen, langwierigen, für sie unvorteilhaften Verfahren kämpfte). Doch Rosa Beer ist eine mutige, eine starke und eine selbstbewusste Frau. Sie will nicht klein beigeben. Selbst unter den Bedingungen des NS-Regimes will und wird sie um das Eigentum ihres Sohnes kämpfen.“ (S.213)
Wäre daher Rosa Beer nicht die ideale Protagonistin in einem Film?“, fragte der Moderator der Veranstaltung, Gilbert Merlio, emeritierter Professor für Ideengeschichte und deutsche Literatur an der Sorbonne-Universität. „Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses Buch mit der Geschichte des Hauses und den beiden Familiensagas eine gute Vorlage für einen eindrucksvollen Film abgeben würde. Diese dichte Verwebung von alltäglicher und „großer“ Geschichte führt uns brennglasartig mitten in zentrale Abschnitte und Themenbereiche der europäischen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts”, so seine weiteren Ausführungen dazu.

Zugleich gibt es für Rosa Beer, wie Anaïs Spiro ausführte, bis heute keinen Ort der Erinnerung, keinen Ort, der das Leben der Rosa Beer öffentlich würdigt. Im Nachgang der Veranstaltung habe ich eine Fotoserie zusammengestellt, die das Leben der Rosa Beer in wenigen Bildern beschreibt. Hier der link:
Rosa_Beer_Fotoserie

Der Moderator Gilbert Merlio hat das Buch intensiv studiert, sodass er mit seinen Fragen immer wieder die Diskussion anregte.
Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
Hier der link zu meiner Antwort:
Antwort_Warum_dieses_Buch

Ist die Demokratisierung Deutschlands und Österreichs gelungen, obwohl oder weil die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit anfangs mangelhaft gewesen ist? Notwendigkeit des «kommunikativen Beschweigens» (Hermann Lübbe) in der Familie und in der Gesellschaft? Hier der link zu meiner Antwort:
Antwort_Langes_Schweigen_notwendig

Inwiefern war der kommunistische Widerstand ein Kampf für die Freiheit oder…für Stalin? Hier der link zu meiner Antwort:
Antwort_kommunistischer_Widerstand_Freiheit_Stalin

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